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Maria Binnenböse wird geboren

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Aus dem Mikrofilm der Mormonen, Personenstandsakten Schneidemühl, Geburten 1874-1876.

„Nr. 170

Schneidemühl, den 13. Mai 1876

Vor dem Standesbeamten erschien heute der Persönlichkeit nach ___________ August Kinowski ___ ___ __kannt

[Für jeden Hinweis, was hier steht, bin ich sehr dankbar – der einzige Grund, warum ich diese Geburtsurkunde nicht früher vorgestellt habe ist, dass ich sie nicht ganz zweifelsfrei entziffern kann.]

der Arbeitsmann Heinrich Carl Binnenböse

wohnhaft zu Schneidemühl, _______ Straße Nr. 3, evangelischer Religion

und zeigte an, daß von der Julia Binnenböse

geborene Dahlke, seiner Ehefrau, katholischer Religion

wohnhaft __________________ (bei seiner _________ ???)

Schneidemühl, [gleiche Adresse wie Heinrich Carl Binnenböse]

am dritten May [?????] des Jahres 1876″

 

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

„morgens um sieben Uhr

ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Maria erhalten habe.

Vorgelesen, genehmigt und _______________ [????]

XXX“

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Nachtrag auf dem Dokument:

„Die Entbindende [??] heißt mit Vornamen Johanna nicht Julia

_________________ zufolge Anordnung des Königlichen Landgerichts zu Schneidemühl vom 22. Mai 1896, Schneidemühl der 1. August 1896, der Standesbeamte in Vertretung [Unterschrift]“

Auswertung:

Die Geburtsurkunde zusammen mit Elisabeth Dahlkes Geburtsurkunde und der Heiratsurkunde der Eltern Johanna Dahlke und Carl Heinrich Binnenböse löst erst wirklich das Rätsel, welches sich auftut, wenn man zunächst nur Elisabeths Geburtsurkunde sieht.

Johanna und Heinrich haben nach Elisabeths Geburts geheiratet. Was sich übrigens als Geschenk für die nachfolgenden Generationen herausstellt. Hätten sie vor Elisabeths Geburt geheiratet, wäre keine Personenstandsakte zum Vorgang entstanden und erhalten geblieben.

Johanna wurde anscheinend Julia genannt, hieß aber offensichtlich „amtlich“ nicht so. Carl Heinrich wurde offensichtlich Heinrich genannt.

Heinrich konnte sich offenbar auch nicht ausweisen. Kann es sein, dass er keine Papiere zu seiner Abstammung hatte? Das würde mich wundern, denn von Teresa weiß ich, dass offenbar ein Teil der Binnenböses aus Hasenfier nach Amerika auswanderten – um dies zu tun, mussten sie sich bereits vor der Abreise ausweisen. Sollte sich nur ein Teil der Familie mit diesen wichtigen Dokumenten eingedeckt haben?

Auch bin ich immer noch hin- und hergerissen was ich jetzt genau über Heinrichs Schreibkünste denken soll: Konnte er gar nicht lesen und schreiben? Konnte er nur seinen eigenen Namen schreiben? Konnte er es, wollte es aber nicht?

Hier auf Marias Geburtsurkunde unterschreibt er mit drei „XXX“.

Die Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke, Marias älterer Schwester, ist ebenfalls mit einem „XXX“ unterzeichnet, allerdings anscheinend von Alexander Bukowski. (Wie dieser zu Kind und Mutter steht, weiß ich immer noch nicht.)

Auf der Heiratsurkunde von Johanna Dahlke und Heinrich Binnenböse dann das hier:

Heiratsurkunde Johanna Dahlke - Carl Heinrich Binnenböse

Heiratsurkunde Johanna Dahlke – Carl Heinrich Binnenböse

„vorgelesen, genehmigt und unterschrieben

Carl Heinrich Binnenböse

Johana Dalke [sic!]

Emil Koch

Karl Eduard Graffunder“

Hmmmm …..

Fest steht: Marias Geburtsurkunde wird kurz nach ihrem 20. Geburtstag vom Landgericht Schneidemühl geändert.

Nicht dramatisch, aber zumindest parallel mit der Änderung auf Elisabeth Dahlkes Geburtsurkunde: Mutter heißt nicht Julia, sondern Johanna Binnenböse, geborene Dahlke.

Es wäre toll, wenn die Gerichtsakten aus Schneidemühl noch existieren würde … da muss ich dringend mal recherchieren, ob da noch etwas vorhanden ist!

Vielleicht wollten beiden Töchter ihre Geburtsurkunden für eine folgende Heirat? Auf Verdacht hin ins Blaue wird ja ein Gericht in solchen Angelegenheiten nicht tätig …

Die Person, die anscheinend Heinrich Binnenböse ausweisen/bezeugen konnte, ist mir bisher noch nicht begegnet. Im Adressbuch der Stadt Schneidemühl (über genwiki abgefragt) taucht eine Witwe Wilhemine Kinowski auf der Gartenstr. 15 auf.

die Binnenböses aus Schneidemühl

Ich versuche mal eine kleine Chronologie, der mir bisher bekannten Binnenböse-Daten aus Schneidemühl:

Freitag, 9. Oktober 1874, abends 10 Uhr

Geburt Elisabeth Dahlke

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke – Klick

Donnerstag, 15. Oktober 1874

Ausstellung der Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke, 6 Tage nach der Geburt. Das Kind ist noch ohne Vorname, die Mutter wird „Julia Endisch“ genannt.

Melder ist der Wohnungsinhaber, in der Elisabeth Dahlke geboren wurde, Alexander Bukowski. In der Geburtsurkunde ist sein Verhältnis zu Mutter und Kind nicht benannt. Alexander Bukowski „unterschreibt“ die Urkunde mit „XXX“ = er kann seinen eigenen Namen nicht schreiben.

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke – Klick

Samstag, 24. Oktober 1874

Nachtrag auf der Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke. Das Kind wird „Elisabeth“ genannt. Leider nur schwer zu entziffern: Alexander Bukowski macht die Meldung über die Namengebung für das Kind.

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke – Klick

Mittwoch, 3. November 1875, zehn ¾ Uhr in Schneidemühl

Heirat von Carl Heinrich Binnenböse mit Johanna Dahlke.

Carl Heinrichs Eltern: Johann Binnenböse (Tagelöhner) und Wilhelmine Heymann. Beide sind bereits in Hasenfier verstorben. Carl Heinrich wurde ca. 1845 in Hasenfier geboren.

Carl Heinrich unterschreibt (!) die Heiratsurkunde. Ebenso unterschreibt Johanna Dahlke die Heiratsurkunde – sie schreibt ihren Nachnamen „Dalke“ – diese Schreibung kommt in den Personenstandsakten von Schneidemühl so sonst nie vor. Eventuell können die beiden Eheleute nur gerade einmal ihren eigenen Namen schreiben? Carl Heinrich unterschreibt die Geburtsurkunde von Maria Binnenböse mit „XXX“.

Johanna war drei oder vier Monate schwanger mit Maria Binnenböse. Elisabeth ist etwa 1 Jahr alt.

Quelle: Heiratsurkunde Dahlke-Binnenböse – Klick

Donnerstag, 4. Mai 1876, morgens um 7 Uhr

Geburt Maria Binnenböse, Vater: „Heinrich Carl Binnenböse“, Mutter: „Julia Binnenböse, geborene Dahlke“.

Quelle: Geburtsurkunde von Maria Binnenböse.

Quelle habe ich noch nicht vorgestellt, werde das aber nachholen! 4. Mai kann ich nicht genau verifizieren. (Dazu später mehr.)

Samstag, 13. Mai 1876

Geburtsurkunde von Maria Binnenböse wird ausgestellt, 9 Tage nach der Geburt.

1879

Tod Anna Binneboese, Arbeiterwitwe

Auszug Index Tote 1879 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1879 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1879

1881

Tod Anna Johanna Binnenböse, Arbeiterwitwe, gestorben in Schneidemühl, Ortsteil Grünthal

Auszug Index Tote 1881 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1881 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1881

1891

Tod ___ (?) Binneböse, Kind

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1891

Tod Maria Binneböse, Kind

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1891

1893

Tod Rosalia Binnenböse, Kind

Auszug Index Tote 1893 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1893 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1893

1894

Geburt Antonia Binnenböse

Auszug Index Geburten 1894 Schneidemühl

Auszug Index Geburten 1894 Schneidemühl

Quelle: Geburten Index 1894

Freitag, 22. Mai 1896

Richterspruch des Königlichen Amtsgerichts zu Schneidemühl: Änderung Geburtsurkunde Maria Binnenböse: Mutter Johanna nicht Julia Binnenböse.

Maria Binnenböse ist 20 Jahre alt.

Quelle: Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Samstag, 1. August 1896

Die Geburtsurkunde von Maria Binnenböse wird gemäß des Gerichtsbeschlusses des Amtsgerichtes zu Schneidemühl vom 22. Mai 1896 geändert.

Quelle: Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Adressbuch Schneidemühl 1896

abgefragt über die Datenbank der Computergenealogen:

Heinrich Binneböse, Arbeiter, Lehns Ziegelei

Johanna Binneböse, Arbeiterfrau, Brunnenstraße 6

Rosalie Enders, Witwe, Feldstraße 19 (die Mutter von Johanna Dahlke Binnenböse)

Zu diesem Zeitpunkt ist Elisabeth etwa 22 Jahre alt und ist nicht gelistet. (Welchen Namen hat Elisabeth zu dieser Zeit offiziell? Elisabeth Endisch?) Ebenso taucht Maria Binnenböse nicht unter Binnenböse auf.

Donnerstag, 3. März 1898

Richterspruch des Königlichen Amtsgerichts zu Schneidemühl: Änderung Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke: Mutter Johanna Dahlke nicht Julia Endisch.

Elisabeth ist 23 Jahre alt.

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke

Mittwoch, 25. Oktober 1899

Elisabeth Dahlke heiratet Emil Spickermann in Schneidemühl. Klick

Elisabeths Eltern: Johanna Dahlke und Heinrich Binnenböse, beide bereits in Schneidemühl verstorben.

1902

Geburt Maria Binnenböse, __________________ (??), Schneidemühl

Auszug Index Geburten 1902 Schneidemühl

Auszug Index Geburten 1902 Schneidemühl

Quelle: Geburten Index

Fazit:

Ich bin mir bewußt, dass ich nicht alle Binnenböse/Binneböse Einträge aus Schneidemühl bisher erfasst habe, weil ich einfach noch nicht alle Mikrofilme gesehen habe. Bei einigen Namen habe ich aber starke Vermutungen. So zum Beispiel bei Antonia Binnenböse – es gibt in der Familie eine „Tante Toni“, die eine Schwester von Elisabeth Dahlke war. Auch möchte ich mir unbedingt das Dokument von „Rosalia Binnenböse“ ansehen. Johanna Dahlkes Mutter hieß Rosalie Dahlke mit Geburtsnamen und heiratete später einen Eduard Enders.

Herbert Klatt (1944 – 1945)

Wie bereits mehrfach in diesem Blog berichtet, war bereits in meiner Kindheit ein großer Motivator zur Familienforschung das Schicksal meines Onkels zu erkunden. Denn sein Schicksal legte sich wie ein Schatten über das Leben so vieler. Ich bin der festen Überzeugung, das Leben meiner Mutter wäre anders verlaufen. Das Leben meiner Großeltern mütterlicherseits sowieso – es muss einen gewaltigen Schaden nehmen, wenn das eigene Kind stirbt. Aber selbst ich werde emotional wenn ich an den kleinen Herbert denke. Dabei starb er Jahrzehnte vor meiner Geburt.

Seinen dramatischen letzten Weg muss ich noch besser rekonstruieren. Aber jetzt habe ich zumindest etwas ganz Wichtiges vor mir liegen: Herberts Geburtsurkunde.

Ich weiß, dass selbst Mama, die sich nicht besonders für meine Familienforschung interessierte, gerne gewußt hätte, wie alt Herbert tatsächlich war, sprich wann er geboren wurde.

Aus dem Mikrofilm 302080 der Mormonen „Schneidemühl, Zivilstandsregister, Geburten Januar – Mai 1944“:

Geburtsurkunde Herbert Klatt

Geburtsurkunde Herbert Klatt

Als ich das Dokument auf dem Mikrofilmlesegerät so plötzlich vor mir sah, da war ich richtig vor den Kopf geschlagen. Und ich war überrascht wie viele Emotionen in mir hoch kamen, wirklich die ganze Palette … dann begann ich den Inhalt wieder und wieder zu lesen …

„Geburtsurkunde Nr. 1454

Schneidemühl den 25. August 1944

Die Anna Klatt geborene Spickermann katholisch, wohnhaft in Schneidemühl bei ihrem Ehemanne

Ehefrau des Kraftwagenführers Albinus Bernhard Klatt katholisch

wohnhaft in Schneidemühl, Königsblicker Str. 28

hat am 24. August 1944 um 3 Uhr 10 Minuten zu Schneidemühl in ihrer Wohnung

einen Knaben geboren. Das Kind hat den Vornamen Herbert erhalten.

Eingetragen auf mündliche Anzeige der Frau Anna Maria Spickermann, Schneidemühl, Bromberger Str. 42.“

Das ist sie also, die Geburtsurkunde vom kleinen Herbert.

Was mich so umgehauen hat und immer noch umhaut, ist dass so viele Geburtsurkunden im Jahr 1944 gab! Zwei dicke Mikrofilme voll! (Ich hatte ja zunächst den zweiten Film von 1944 bestellt und komplett durchsucht.)

Das sind nicht nur unheimlich viele Dokumente – das sind alles kleine Menschenleben, die gerade geboren wurden. Das sind jedes Mal Mütter, deren Ehemänner wahrscheinlich irgendwo im Krieg eingesetzt sind. Das sind jedes Mal Familien, die sich über ein Kind freuen, ihm alles Gute wünschen und dennoch sich viele Sorgen machen.

Wie viele dieser vielen Kinder werden überlebt haben?

Wenige Monate später, Ende Januar 1945, werden die Bewohner entweder von den angreifenden Russen getötet werden oder sie müssen mitten im Winter flüchten! All diese Kinder werden kaum ein Jahr alt gewesen sein – wie viele werden die Flucht überlebt haben?

Das sind sehr bedrückende Gedanken. Wenn ich dann noch darüber sinniere, wie sehr das Schicksal dieses Kindes das Leben meiner Familie prägte …

Auswertung:

Am 24. August 1944 wurde die 32jährige Anna Klatt (geborene Spickermann) Mutter. Sie hatte sich einen Jungen so sehr gewünscht, und ihr Wunsch war wahr geworden. Der kleine Herbert wurde einen Tag nach dem 32. Geburtstag seines Vaters Albin geboren. So weit ich weiß, war Opa Albin zu dieser Zeit beim Militär. Und die Geburt angefangen hat – sprich die Wehen setzten wohl schon ein – am Tag davor, an Opas Geburtstag.

Und hier habe ich es „schwarz auf weiß“ – Opa und ich waren in der gleichen Branche tätig. (Oma auch, beide arbeiteten als „Boten“ bei der Firma Erbguth in Schneidemühl.) Opa war LKW-Fahrer, ich bin gelernte Speditionskauffrau und habe bis zu meinem Studium in meinem Beruf gearbeitet.

Ort der Geburt war die Wohnung der Spickermänner – die kleine Wohnung, in der Elisabeth Spickermann (geborene Dahlke) bereits seit vielen Jahren mit ihren Kindern gewohnt hatte. Mit der Zeit waren alle ihre Kinder, bis auf ihre jüngste Tochter Anna, ausgezogen. Und obwohl dies im wahrsten Sinne eine Frauenhaushalt war – Elisabeth früh verwitwert, jetzt in der Kriegszeit lebten die Frauen dort ganz ohne Mann – wird auf der Geburtsurkunde „bezeugt“, dass Anna ihren Sohn in der Wohnung ihres Mannes zur Welt gebracht hätte.

Die Geburt angezeigt hat Anna Maria Spickermann, geborene Sydow. Sie ist die Mutter von Resi, die immer noch sehr lebendig ist. Anna Maria war die Ehefrau von Emil Spickermann, dem Bäcker. („Willst Du Dich mit Schmeling messen, musst Du Spickermann Brot und Kuchen essen.“)

Der kleine Herbert wurde wahrscheinlich nach Herbert, dem mittleren Sohn von Elisabeth M., Elisabeth Spickermanns-geborene Dahlke ältester Tochter, benannt. (Nachnamen lass ich hier aus, Herbert lebt und ich weiß nicht, ob es ihm recht wäre, wenn sein Name hier offen zu lesen wäre.)

Ausblick:

Wie alt war nun der kleine Herbert als er starb?

Wenn ich davon ausgehe, dass Herbert Anfang Februar 1945 starb (und das scheint sehr wahrscheinlich), dann war er gerade einmal fünf Monate alt.

Ein fünf Monate altes Baby, welches vielleicht gerade einmal damit anfangen kann alleine zu sitzen. Und das ist das Baby, mit dessen Schatten meine Mutter ihr ganzes Leben konkurrierte. Erschreckend.

Es sind diese kleinen Details, die „Krieg“ ins „echte Leben“ holen. Wie viele Leben zerstört und belastet werden … es ist unbegreiflich.

Noch ungeklärt:

Wann und wo starb Herbert?

In der Familie gab es eigentlich immer unisono die Antwort – „In Eggersdorf. Dort ist er auch auf einem kleinen Friedhof begraben. Tante Tony und Onkel Nikky haben sich um sein Grab gekümmert. Der Friedhof war in der Ostzone, da konnte die Familie, die im Westen lebte kaum hinkommen.“

Eggersdorf ist heute mit dem Dörfchen Petershagen zusammengefasst und befindet sich östlich von Berlin im Landkreis Märkisch-Oderland in Brandenburg.

Dort gibt es tatsächlich zwei Friedhöfe, wobei nur einer damals schon in Funktion war. Dieser befand sich sogar in Laufweite im ehemaligem Haus von Tante Tony und Onkel Nikky.

Aber meine Recherche dort liefen ins Leere. Keine Unterlagen über eine Beerdigung von Herbert Klatt 1945 vorhanden.

Dann hatte ich eines Tages die wilde Idee doch einfach mal auf findagrave.com nach „Herbert Klatt“ zu suchen. Und siehe da, ich fand einen Eintrag. Kann das sein?!

Eine weitere Suchmaschinensuche … und ich fand dies hier: Online Gefallenendenkmäler.

Auf dem ev. Emmaus-Friedhof in Berlin-Neukölln wird ein „Herbert Klatt“ mit dem Todesdatum „1945“ gelistet. Keine weiteren Angaben.

Kann es sein?!

Auf diesem Friedhof liegen eine ganze Reihe offensichtlicher Zivilisten – Frauen und Kinder. Hier sind also nicht nur Soldaten beigesetzt.

Ob man da einfach mal anrufen kann? Am liebsten würde ich sofort mit dem nächsten Zug oder Bus nach Berlin fahren und mir dieses Grab anschauen … ob ich auch noch das Todesdatum herausfinden kann? Vielleicht sogar in welcher Klinik er behandelt wurde?

Was ich bereits jetzt anders schreiben kann, wäre der Titel dieses Blogeintrages:

Herbert Klatt (24. August 1944 – 1945)

Es ist immer schön und ein bißchen bewegend, wenn man von einem Familienmitglied ein Lebensdatum ergänzen kann. Aber dieses hier, das bewegt mich ganz tief und ich hoffe, dass irgendwo meine Mutter etwas Ruhe findet.

 

Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke

Da will ich doch mal direkt mit einer großen Überraschung anfangen, die eine Merkwürdigkeit nach der anderen mit sich bringt – ich habe tatsächlich die Geburtsurkunde von meiner Uroma Elisabeth Dahlke gefunden.

Geboren wurde sie am 9. Oktober 1874. Anfang/Mitte Oktober 1874 begann die Verwaltung der Stadt Schneidemühl damit, Zivilstandsakten zu führen. Den entsprechenden Mikrofilm der Mormonen bestellte ich mir natürlich … und war enttäuscht. Denn ich fand einfach nicht Elisabeths Geburtsurkunde. Ich war perplex, weil ich einfach davon sicher ausgegangen war, ich würde die Geburtsurkunde sofort finden, direkt am Anfang des Films.

Als ich dann die Heiratsurkunde von meiner Oma Anna Spickermann (Tochter von Elisabeth) mit meinem Opa sah, musste ich einfach noch mal in den Mikrofilm schauen. Denn dort in der Heiratsurkunde waren die jeweiligen Geburtsurkunden Nummern mit den ausstellenden Städten genannt.

Und schwupps!! Die Welt steht ein bißchen Kopf!

Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke - allerdings war dies offenbar nicht ihr "Geburtsname"

Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke – allerdings war dies offenbar nicht ihr „Geburtsname“

Hier erstmal das komplette Dokument – jedes Mal wenn ich es betrachte, erinnert es mich an meinen Fehler. Es ist Elisabeth Dahlkes Geburtsurkunde, obwohl ihr Name dort nicht in den entsprechenden Feldern eingetragen ist. (Hart)man(n) muss halt auch stets die Notizen und Änderungen lesen. Denn, wie in diesem Falle, können offizielle Dokumente später geändert oder berichtigt (!) werden.

Aber ich fange mal von vorne an: Diese Aufnahme ist aus dem Mikrofilm „Schneidemühl, Zivilstandsregister, Geburten 1874-1876“.

elisabeth_dahlke_geb_02„Geburtsurkunde Nr. 14

Schneidemühl am 15. Oktober 1874

Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Person nach bekannt der Arbeiter Alexander Bukowski wohnhaft zu Schneidemühl, Bromberger Strasse Nr. 23, katholischer Religion“

elisabeth_dahlke_geb_03

„und zeigte an, daß von der unverehelichten Julie Endisch, ______ Wirtin [???], katholischer Religion, wohnhaft zu Schneidemühl in seiner Wohnung am neunten Oktober 1874 abends um zehn Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches einen [?] Vornamen un_____ [?!] erhalten habe.“

Leider kann ich nicht alles lesen. Dabei hab ich sogar schon Hilfe bekommen von der sehr netten Birgit, die ich in der Forschungsstelle kennengelernt habe.

Um diese Geburtsurkunde abzurunden, schauen wir mal auf die Unterschrift des „Melders“:

elisabeth_dahlke_geb_04Na, wenn das nicht das Dokument von 1874 abrundet – der „Melder“ der Geburt, Alexander Bukowski, „unterzeichnet“ das Dokument mit drei Kreuzen. Sprich: Er konnte nicht schreiben und vermutlich auch nicht lesen.

Normalerweise würde ich jetzt davon ausgehen, dass der zuerst genannt Mann, der auch die Geburt in seiner Wohnung meldet, der Vater ist. Aber naja, das muss halt nicht sein.

Bis hier kann man erstmal feststellen: Es ist kein Mädchen geboren worden, die Mutter hieß Julie Endisch und dem Kind wurde scheinbar kein Vorname gegeben. (Was steht dort genau, ich kann es leider nicht lesen ….)

Aber die Geschichte des Dokumentes geht weiter. Es folgt ein Aktenvermerk vom 24. Oktober 1874. Leider kann ich hier nicht alles entziffern:

„____ Schneidemühl den 24. Oktober 1874 vor dem Standesbeamten erschien der Person nach bekannte Arbeiter Alexander Bukowski und zeigte an, dass von der Julie Endisch am 9. Oktober geborene Kind den Vornamen Elisabeth erhalten habe.“

Wieder von Alexander Bukowski mit drei Kreuzen unterzeichnet.

Wie gesagt, ich kann nicht alles lesen und hier half mir bereits Birgit.

Das Mädchen hat jetzt den Namen Elisabeth Endisch. Gemeldet wurde die Geburt und die Vergabe des Vornamens vom Arbeiter Alexander Bukowski. In dessen Wohnung brachte Julie Endisch das Kind zur Welt.

Und hier der letzte Aktenvermerk:

elisabeth_dahlke_geb_06„Die Mutter des Kindes ist die unverehelichte Johanna Dahlke“

Wieder kann ich Einiges nicht genau entziffern, aber die Änderung erfolgt auf Anordnung des „Königlichen Kreisgerichts zu Schneidemühl am 3. März 1898

Schneidemühl am 08 März 98“

Ein letzter Nachtrag „H. geheiratet No. 109/1899 hier“.

Auswertung:

Was für ein Dokument! So eine Geburtsurkunde ist mir bisher noch nicht begegnet! Und ich mache das ja nun schon seit über 20 Jahren. (Meine Güte bin ich alt mittlerweile ….)

Ich werde das Dokument nun „zeitlich von hinten“ aufblättern, so wird es einfacher.

1899 heiratet Elisabeth. Bevor sie das machen kann, muss sie den Behörden ihre Geburtsurkunde vorlegen. Das wird wahrscheinlich bereits 1898 geschehen sein, vielleicht aber auch schon 1897. Denn Anfang März 1898 ordnet das Kreisgericht von Schneidemühl an, dass diese hier vorliegende Geburtsurkunde geändert werden muss. (Wie lange solch ein Antrag und Prozess wohl damals gedauert hat?)

Sagen wir, Elisabeth wollte 1897 heiraten. Zu diesem Zeitpunkt wäre sie dann 22/23 Jahre alt gewesen. Emil Spickermann, ihr zukünftiger Ehemann, war übrigens 26/27 Jahre und bereits verwitwert. Und Elisabeth stellt fest, dass sie laut ihrer Geburtsurkunde Elisabeth Endisch heißt, Vater nicht genannt. Der einzige Mann, der erwähnt wird, ist die Person, in dessen Wohnung sie zur Welt kommt.

Sie geht zum Kreisgericht und die Geburtsurkunde wird geändert. Sie kann heiraten. Die Änderung des Dokumentes erfolgt Anfang März 1898, die Hochzeit findet am 25. Oktober 1899 in Schneidemühl statt.

Klingt das logisch?

Warum ist da „so viel Zeit“ zwischen der Dokumentenänderung und der Hochzeit? Über ein Jahr! Fast ein Jahr und sieben Monate. Das ist wirklich lang!

Eine andere Idee. Wir werfen einen Blick auf die Hochzeitsurkunde von 1899.

Dort werden Elisabeth Dahlkes Eltern erwähnt: Johanna Dahlke und Heinrich Binnenböse. Ebenfalls erwähnt ist, dass die Eltern zum Zeitpunkt der Geburt nicht verheiratet waren, dies aber später nachholten. Am 25. Oktober 1899 wird ebenfalls erwähnt, dass beide – Johanna und Heinrich – bereits verstorben sind.

Kann es sein, dass Elisabeth damit begann ihre Geburtsurkunde zu ändern, als ihre Eltern starben und es auffiel, dass die Angaben in der Geburtsurkunde nicht korrekt waren? Oder könnte es auch sein, dass die Behörden von selbst begannen einen „Verwaltungsprozess“ (wie auch immer geartet) zu starten, um die Angaben auf dem Dokument zu korrigieren?

Andere Dokumente, die hier helfen können Klarheit zu bringen:

index_binnenböse_dahlkeSchlechtes (Arbeits-)Foto aus dem „Personenstandsakten Schneidemühl Index Geburten, Heirat, Tote 1874-1876“.

1875 Binnenböse Carl Heinrich Arbeitsmann und Dahlke Johanna.

1876 wird dort die Geburt einer Maria Binnenböse gelistet. Die Geburtsurkunde habe ich natürlich direkt gesichtet. (Aus dem gleichen Mikrofilm, in dem auch Elisabeths Geburtsurkunde abgebildet ist.)

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Ich mache jetzt eine kurze Zusammenfassung:

Schneidemühl 13. Mai 1896

Heinrich Carl Binnenböse, evangelisch und seine Ehefrau Julie Binnenböse, geborene Dahlke, am 11. Mai 1896 morgens um 7 Uhr ein Mädchen mit dem Namen Maria geboren wurde. Heinrich „unterzeichnete“ mit drei Kreuzen.

Am 22. Mai 1896 wurde ein Nachtrag vermerkt: Angeordnet vom Königlichen Kreisgericht wird geändert, dass die Mutter Johanna nicht Julia heißt.

Auswertung:

Offensichtlich kann das Königliche Kreisgericht sehr schnell Änderungen anordnen. Am 13. Mai wurde die Geburtsurkunde erstellt, das Kreisgericht ließ bereits am 22. Mai die Urkunde abändern.

Interessant ist, dass der Vorname der Mutter geändert wurde. War Julia oder Julie vielleicht ihr Rufname?

Ich rätsel ja immer noch, ob es aus der Verbindung weitere Kinder gibt. Aber die beiden weiblichen Namen – Elisabeth und Maria – machen aus christlich-katholischer Namensgebungstradition stark Sinn. (Es steht hier noch eine Erzählung aus, die ich nachholen werde. Meine Mutter hieß Regina, es gab auch eine Maria. Ich werde darauf zurückkommen.) Vielleicht gab es aber auch noch Jungs?

Offene Fragen:

… die sich vielleicht gar nicht mehr klären lassen …

Sind zu diesen Geburtsurkundenänderungen Gerichtsakten entstanden? Wenn ja, sind diese eventuell noch erhalten im Archiv (in Pila)?

Warum Julie/Julia? Julie französisch ausgesprochen? Ist das vielleicht der Rufname? Gab es in der Familie (die Mutter?) eine weitere Johanna?

Wo kommt der Nachname „Endisch“ her?!?

Wer ist Alexander Bukowski und in welchem Verhältnis stand er zu Johanna Dahlke? Lebte Johanna damals bei ihm? Oder war sie nur für die Geburt dort? Das Kind kam um 10 Uhr abends auf die Welt. Hausgeburten waren damals üblich. Häufig werden Hebammen als „Melder“ der Geburten gemeldet. Eine Hebamme scheint sich aber nicht mit dieser Geburt beschäftigt zu haben?

Wo war Heinrich Carl Binnenböse zur Zeit der Geburt von Elisabeth? Lebten die zwei zusammen? War Heinrich vielleicht einfach nicht in der Stadt aus welchem Grund auch immer?

Kann es sein, dass Elisabeths Geburtsurkunde gesichtet wurde, als ihre Eltern oder ein Elternteil verstarb? (Erbschaftsreglung?) Oder steht die Dokumentenänderung mit ihrer Hochzeit zu Emil Spickermann in einem direkten Zusammenhang?

Was wurde aus Maria Binnenböse?

Ist das nicht spannend? Für mich kommt das alles sehr unerwartet. Aber immerhin bin ich nicht mehr so perplex wie ich am Anfang war, als ich zuerst merkte, dass die tatsächlich die Geburtsurkunde von Elisabeth ist.

Und jetzt bin ich müde. Bis zum nächsten Blogpost! 🙂

 

Anna Spickermann wird geboren

AS_Geburt_01Das nächste Dokument, welches ich vorstellen möchte, ist die Geburtsurkunde von Anna Spickermann, meiner Oma mütterlicherseits.

P1350003klBatch-Nr. 302047.

„Personenstandsakten Schneidemühl, Geburten 1912“

AS_Geburt_02„Geburtsurkunde Nr. 66 [aus dem Jahr 1912]

Schneidemühl am 25. Januar 1912.

AS_Geburt_03„Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, der Arbeiter Emil Spickermann wohnhaft in Schneidemühl Feldstrasse 14.

Katholischer Religion, und zeigte an, daß von der Elisabeth Spickermann geborene Dahlke, seiner Ehefrau, katholischer Religion, wohnhaft bei ihm,

AS_Geburt_04„zu Schneidemühl in seiner Wohnung am 25. Januar des Jahres 1912 vormittags um zehneinhalb Uhr ein Mädchen geboren worden sei und daß das Kind den Vornamen Anna erhalten habe.

AS_Geburt_05„Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben Emil Spickermann

Der Standesbeamte [zwei Unterschriften übereinander]

N. [Nachtrag?] Geheiratet zum 1. Male 18.10.39 Nr. 318/1939 Schneidemühl“

Auswertung:

Bereits am 25. Januar 1912 wurde vom Standesbeamten die Nr. 66 für eine Geburtsurkunde vergeben. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass Schneidemühl stetig wuchs; immer mehr Familien aus den Nachbarortschaften kamen nach Schneidemühl, da sich hier mehr und mehr Industrie- und Handelsbetriebe ansiedelten.

Arbeiter Emil Spickermann –> interessant ist, dass anscheinend der Standesbeamte aus dem „c“ nachträglich ein „e“ machte. Das hier wäre allerdings der einzige mir bekannte Beleg, bei dem der Nachname mit „iek“ und nicht mit „ick“ geschrieben wurde. Ursache dürfte die Unterschrift von Emil gewesen sein. Dort hat er das „c“ ein bißchen gehuscht. So schnell entstehen Namensänderungen!

Die Adresse Feldstraße 14 ist der Wohnort und auch der Ort, an dem Anna zur Welt kam.

Emil und Elisabeth sind beide katholischer Religion, auch werden hier keine neuen Varianten ihrer Namen erwähnt. (Außer dem oben Erwähnten.)

Das Datum der Geburt von meiner Großmutter kannte ich. Allerdings auch ausschließlich aus Dokumenten aus der Nachkriegszeit. Eine neue Zusatzinformation ist die Uhrzeit – „vormittags zehneinhalb“ – dies lese ich als 10.30 Uhr.

Und tatsächlich hat Anna keinen zweiten Vornamen – ihre Eltern nannten sie nur „Anna“.

Auch auf diesem Dokument ein standesamtlicher Nachtrag aus dem Jahr 1939. Entweder war in dieser Zeit ein sehr gewissenhafter Standesbeamte zuständig für die Einträge oder – was mir nicht unwahrscheinlich erscheint – hat sich etwas in der Handhabung im Führen der Dokumente geändert.

Etwa zeitgleich wurden alle Dokumente von Juden oder jüdisch-stämmigen Personen abgeändert. Allen Männern wurde der zusätzliche Vorname „Israel“ zwangseingetragen, allen Frauen der zusätzliche Vorname „Sarah“.

Ebenfalls zu dieser Zeit mussten fast alle Deutsche ihre Abstammung nachweisen – tauchte dort ein jüdischer Name auf, standen Probleme an.

Auf Annas Geburtsurkunde wurde allerdings „nur“ ihre Heirat aus dem Jahre 1939 nachgetragen.

Elisabeth Dahlke heiratet Emil Spickermann

Mit alten Dokumenten ist es ja so eine Sache – man weiß schon vorher so ungefähr was drin steht. Dann hat man entweder das Original oder eine Kopie der Urkunde vor sich, findet genau das vor, was man erwartet … und noch einiges mehr!!

Auch in diesem Fall ging es mir genau so. Einige Fragen konnten sofort beantwortet werden. Aber ich habe jetzt noch viel mehr Fragen als vorher. Ich fange mal von vorne an.

Ich suchte nach der Heiratsurkunde von Elisabeth Dahlke und Emil Spickermann. Diese fand ich nun auf einem Mikrofilm der Mormonen. Hier die beiden Original-Unterschriften der beiden Eheleute:

DS_Ehe_Unterschriften

Was wußte ich vorher? Elisabeth Dahlke heiratete um die Jahrhundertwende den Vater der Spickermann-Kinder. Der Name war wahrscheinlich Emil. Allerdings waren sich da nicht alle noch lebenden Spickermann-Nachkommen einig. Es gab auch einen Sohn, der Emil hieß, eine Verwechslung könne also vorliegen. Die Hochzeit fand in Schneidemühl statt. „Oma Spickermann“ – unter diesem Namen ist Elisabeth Spickermann immer noch in der Familie bekannt – hieß vor der Ehe Dahlke.

Allerdings gab es da auch einige Unsicherheiten. Denn Emil (der Vater) war nachweisbar Witwer, aus seiner ersten Ehe hatte er mindestens zwei Kinder mit in die neue Ehe gebracht. (Wie viele Kinder genau, wer das war – total unklar!) Emil soll „in etwa“ um 1916 gestorben sein. Auch Elisabeth Dahlke soll Witwe gewesen sein. Resi, meine Cousine 2. Grades, die sehr viel Zeit mir ihrer geliebten Oma verbracht hat (auch in später als Erwachsene), weiß zu berichten, dass Oma Spickermann davon erzählte, dass sie (Oma Spickermann) bereits sehr früh Witwe wurde. Ihr Mann wurde wegen Hämorrhiden operiert. Er wurde aus dem Krankenhaus entlassen und legte sich in der Wohnung hin. Oma Spickermann ging kurz etwas besorgen und als sie heim kam, war ihr Mann tot – innerlich verblutet.

Schauen wir uns die Heiratsurkunde an:

Relativ blasse, aber noch gut lesbare Mikrofilm-Aufnahme der Heiratsurkunde.

Relativ blasse, aber noch gut lesbare Mikrofilm-Aufnahme der Heiratsurkunde.

Kenner werden erkennen, dass ich einen Bildschirm eines relativ alten Mikrofilm-Lesers abfotografiert habe. Um hier alles erkennen zu können, werde ich das Dokument Stück für Stück vorstellen, sonst lässt sich nicht alles gut lesen.

Zunächst die Quellenangabe – hier handelt es sich um durch die Mormonen abfotografierten Personenstandsakten, die sich in Berlin im Standesamt I befinden. Diese Fotoaufnahmen wurden bereits Anfang der 1960er Jahre gemacht. Gerade weil es momentan so schrecklich lange Bearbeitungszeit aus verwaltungstechnischen Gründen gibt, hoffe ich sehr, dass das Standesamt Berlin I die Aufnahmen frei gibt zur Indexierung, entweder durch die Mormonen oder durch einen anderen vertrauenswürdigen Verein, wie zum Beispiel die ComputerGenealogen. Aber da ist viel Wunschdenken von mir dabei.

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Dieser Mikrofilm hat die Batch-Nr. 302087 – „Personenstandsakten Schneidemühl, Heiraten 1895-1899“.

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Heiratsurkunde Nr. 109 [aus dem Jahre 1899]

Schneidemühl am 25. October 1899

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„Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zweck der Eheschließung :

1. der Arbeiter Emil Spickermann, der Persönlichkeit nach bekannt, katholischer Religion, geboren den 7. November des Jahres 1870 zu Stöwen Kreis Kolmar in Posen, wohnhaft zu Stöwen.

Sohn des Arbeiters August Spickermann und dessen Ehefrau Auguste geborene Lemke, beide wohnhaft zu Stöwen.

DS_Ehe_03„2. die ledige Elisabeth Dahlke, ohne besonderen Stand, der Persönlichkeit nach bekannt, katholischer Religion, geboren den 9. October 1874 zu Schneidemühl Kreis Kolmar in Posen, wohnhaft zu Schneidemühl.

Tochter der Johanna Dahlke später verheirateten [sic?] Arbeiter Heinrich Binneböse, verstorben und zuletzt wohnhaft in Schneidemühl.

DS_Ehe_04[Nun auf der zweiten gegenüberliegenden Seite – ehrlicherweise habe ich hier noch nicht alles entziffert. Berufe der Zeugen kann ich nicht genau ausmachen, Adressen ähnlich.]

Ein Zeuge ist Schmiede(??)meister Josef Meissner. Er wohnt in Schneidemühl. [Und hat ebenfalls im Jahre 1899 geheiratet. Seine Hochzeitsurkunde habe ich auch abfotografiert, aber auch hier habe ich Probleme seinen Beruf zu entziffern. Gebürtig ist Josef Meissner aus Neuhof.]

Der andere Zeuge ist Leonhard Parthun. Seinen Beruf kann ich gar nicht entziffern. Wer helfen kann und mag, bitte gerne. 😉

Leonhard Parthun lebte zur Zeit der Eheschließung von Emil und Elisabeth in Stöwen.

Bei den Zeugen ist noch einiges mehr herauszufinden. Aber ich habe momentan so viel spannende Details recherchiert, bzw. ich bin noch am recherchieren, dass ich mir erstmal alles bisher „Erkanntes“ notiert habe und einen dicken Vermerk gemacht habe, ob hier eventuell noch etwas herauszufinden ist. (Es sind ja auch Adressen und Altersangaben bei den Zeugen. Waren es Freunde oder Familie kann das sehr interessant sein.)

Ganz unten nun alle Unterschriften. (Keine „X“ für Unterschriften, was noch recht häufig bei den Heiratsurkunden vorkam. Ergo konnten alle zumindest ihren eigenen Namen schreiben.)

DS_Ehe_05Schöne Handschriften von Emil und Elisabeth wie ich finde. 🙂

Natürlich spannend zu sehen, wie die zwei ihre eigenen Namen schrieben. Emil schrieb Spickermann tatsächlich mit „CK“. „Oma Spickermann“ schrieb ihren eigenen Namen mit „Elisabeth Spickermann geborene Dahlke“.

Nachträglich wurde auf der Heiratsurkunde der zwei ein Vermerk gemacht:

DS_Ehe_06„H. (??) Tochter Anna geb. 25.1.12 hier Nr. 66/1912 [Nr. der Geburtsurkunde], geheiratet zum 1. Male 18.10.39 Nr. 318/1939 [Nr. der Heiratsurkunde] hier.“

Auswertung:

Das Datum 25. Oktober 1899 – der 28jährige Emil heiratet die 25jährige Elisabeth in Schneidemühl. Der Wochentag war ein Mittwoch. Zur Jahrhundertwende wird Schneidemühl ca. 19.000 Einwohner haben; die Bevölkerungszahl der Stadt war in nur wenigen Jahrzehnten sprunghaft gestiegen. Dies war ein Resultat zum einen durch die Anbindung an die Eisenbahnstrecke und einer folgenden Ausbauphase, die Schneidemühl zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt machte. Zum anderen sicherlich durch die fortschreitende Industrialisierung. Nur wenige Jahre zuvor kam es mehrfach zum Ausbruch von Cholera. Um diese Zeit wurden die Wasserleitungen verbessert und ausgebaut.

Emil Spickermann, der am 7. November 1870 in Stöwen geboren wurde, steht kurz vor seinem 29. Geburtstag. Sein Familienstand vor der Hochzeit wird nicht erwähnt. (Verwitwert? Geschieden? Ledig?) Sein Stand/Beruf wird mit „Arbeiter“ angegeben, was leider auch wenig Aussagekraft hat. Emil ist katholisch. Sein Vater ist August Spickermann, seine Mutter Auguste Lemke. Beide leben (!) in Stöwen.

Seine Ehefrau Elisabeth Dahlke wird als ledig angegeben. Zusammen mit Elisabeths Eigenaussage in diesem Dokument (Unterschrift), ist Elisabeth Dahlke ihr tatsächlicher Geburtsname. Diesem Dokument zufolge war sie bisher nicht verheiratet – „ledige Elisabeth Dahlke“.

Ihr Geburtsdatum war mir bereits bekannt. Allerdings nur aus Dokumenten, welche nach 1945 entstanden und fast immer den Vermerk enthielten, dass die Daten letztenendlich nicht überprüft werden können, da man keinen Zugang zu den Akten hatte. Das hier ist also der Beleg für ihre Geburt in Schneidemühl. (So weit ich es bisher recherchieren konnte.)

„Ohne besonderen Stand“ deutet für mich auf keine spezielle Ausbildung oder ein fachliches Können. Sie wird sich also mit niederen Arbeiten finanziert haben. Dies deckt sich mit den Berichten aus der Familie. Ob diese Formulierung noch etwas anderes zu bedeuten hat, weiß ich leider nicht einzuschätzen.

Elisabeth ist katholisch. Und jetzt wird es interessant!

Sie wird als die Tochter der Johanna Dahlke angegeben. NICHT als die Tochter eines Mannes mit dem Namen Dahlke. Elisabeth Dahlke, Tochter der Johanna Dahlke. Sprich: Sie kam unehelich auf die Welt. Das ist für mich persönlich kein Weltzusammenbruch, aber damals hieß das für Johanna Dahlke wahrscheinlich schon einiges. Was genau, würde ich gerne in Zukunft herausfinden.

Nach Johanna Dahlkes Namen folgt der Zusatz „später verheirateten [sic?] Arbeiter Heinrich Binneböse, verstorben und zuletzt wohnhaft in Schneidemühl.“

Ist nun Heinrich Binneböse als Vater angegeben, oder „nur“ als der spätere Ehepartner von Johanna?

Klar scheint zumindest nur zu sein, dass am 25. Oktober 1899 beide – Johanna und Heinrich Binneböse – bereits verstorben sind. Zuletzt hatten die beiden in Schneidemühl gelebt.

Die beiden Trauzeugen wirken auf mich recht „normal“. Sowohl die Braut scheint einen Trauzeugen gebracht zu haben (Josef Meissner aus Schneidemühl). Als auch der Bräutigam (Leonhard Parthun aus Stöwen).

Ein bißchen überraschend fand ich den handschriftlichen Nachtrag der Hochzeit der jüngsten Tochter des Paares. Alle weiteren Ehen (der anderen Kinder, Anna heiratete nur einmal) wurden hier nicht nachgetragen.

Einordnung in den Kontext mit anderen Quellen:

Die größte Überraschung ist für mich die unverheiratete Johanna Dahlke. Vor dieser Heiratsurkunde kannte ich Elisabeth Dahlkes Mutter nicht. Ich kannte weder Vor- noch Nachnamen. Ich erwartete einen Herrn Dahlke mit einer Ehefrau und einem neuen Nachnamen. Doch jetzt habe ich eine Johanna Dahlke und einen neuen Nachnamen, von dem ich nicht sicher bin, ob er der leibliche Vater von Elisabeth Dahlke ist.

Erster Schritt: Schnelles Nachforschen, ob sich Heinrich Binneböse und Johanna in anderen Dokumenten finden lassen. Einfachste Überprüfung: Eine Suche in der Pommerndatenbank.

Dort finden sich tatsächlich einige sehr wenige Einträge zum Nachnamen Binneböse. Zum einen Wilhelm Binneböse in Ratzebuhr, Kreis Neustettin. Dieser taucht in mehreren Adressbüchern auf. Er ist Schneidermeister.

In Schneidemühl dann zwei Einträge für Binneböse aus dem Adressbuch der Stadt Schneidemühl aus dem Jahr 1896.

Heinrich Binneböse, Arbeiter, Lehns Ziegelei

Johanna Binneböse, Arbeiterfrau, Brunnenstr. 6.

Es sieht fast so aus, als hätten Johanna Dahlke und Heinrich Binneböse nach dem 9. Oktober 1874 und vor dem Stichtag für das Adressbuch 1896 geheiratet. Allerdings scheinen sie sich auch wieder getrennt zu haben?

Heinrich Binneböse starb zwischen dem Zeitpunkt der Erfassung für das Adressbuch 1896 und dem 25. Oktober 1899. Vielleicht war er zur Zeit der Erfassung bereits krank und befand ich eventuell in einer Krankenabteilung der Ziegelei? Aber das ist reine Vermutung!

Der Name Binneböse wurde mir gegenüber nie genannt. Als ich ihn jetzt meinem Patenonkel Herbert und Resi sagte, konnten sich die beiden direkt nicht an einen Heinrich erinnern (dieser starb ja bereits vor 1899 und sie konnten ihm nie begegnet sein), sondern an einen Carl Binneböse! Beide kannten diesen Carl, wußten einiges zu berichten. Beide waren bei Carl mehrfach zu Besuch gewesen, beide kannten Carls Töchter (von der eine anscheinend noch lebt). Beide wußten, dass sie irgendwie mit Carl verwandt waren, aber sie wußten nicht wie. Und weitere Binneböse außer Carl und seinen Töchtern kannten sie gar nicht.

Alles sehr spannend! Mehr konnte ich zu Johanna und Heinrich bisher nicht ausfindig machen. Aber ich bleibe dran!

Mein letzter Blogeintrag beschäftigte sich mit Emil Spickermann und seiner Verwundung im 1. Weltkrieg. Meine Vermutung in Bezug auf Emil ist ja, dass er an den Folgen einer Verwundung, die er im 1. Weltkrieg erhielt, verstorben sei. Seine Totenurkunde habe ich noch nicht finden können. In der Familie wird vermutet, er sei etwa 1916 gestorben. Emil erscheint am 7. Oktober 1915 in den Verlustlisten. (Siehe vorherigen Blogeintrag.) Als diese Meldung in der Verlustliste erschien, das Emil 44 Jahre alt. Am 7. November 1915 wäre er 45 Jahre alt geworden. Ich schätze, der schwer verwundete Emil, 44jährig, wurde zunächst in ein Lazarett gebracht. Und da eine schwere Verwundung wahrscheinlich (?) länger als einen Monat benötigt um auszuheilen, wird er nach dem Lazarettaufenthalt nach hause geschickt worden sein.

Aber nichts genaues weiß ich nicht.

Wie oft war Elisabeth Dahlke verheiratet? Diese Heiratsurkunde spricht von der „ledigen Elisabeth Dahlke“. Dahlke ist der Name ihrer Mutter. Also kann ich fest davon ausgehen, dass Dahlke Elisabeths Geburtsname war. „Ledig“ in der Geburtsurkunde zeigt unverheiratet hat. Würde dort ansonsten „verwitwet“ oder „Witwe“ stehen?

Den Mikrofilm mit den weiteren Heiratsurkunden habe ich mir ja angeschaut. Dort ist mir nicht bewußt „verwitwet“ oder „Witwe“ oder Ähnliches begegnet. Aber systematisch habe ich danach nicht gesucht …

Es gibt eine Vielzahl von Kindern und Halbgeschwistern, die ich alle immer noch nicht sicher zu ordnen kann. Emil hatte Kinder, die er mit in die Ehe brachte. Nachweisen kann ich es noch nicht, aber dies wurde mir von allen Verwandten genauso berichtet.

Und dann gibt es die Geschichte, die Oma Spickermann Resi erzählt hat. Wie passt die hier rein? Vielleicht hat Elisabeth auch nach dem Ableben von Emil noch einmal geheiratet? Vielleicht wurde Emil nach seiner schweren Verwundung (an der Westfront?) nach hause entlassen und ist dort entweder in Schneidemühl noch mal operiert worden und dann innerlich verblutet? Oder erholte er sich ganz von der Kriegsverwundung und erkrankte dann an Hämorrhiden, die dann zur fatalen Operation führten?

Nächste Schritte und Fragen:

Emils erste Ehe – ganz klar will ich diese Heiratsurkunde finden. Nur wo ist die Heiratsurkunde zu finden? In den Heiratsurkunden von Schneidemühl? Usch hatte kein eigenes Standesamt …

August Spickermann und Auguste Lemke. Daten, Fakten, alles was ich finden kann. Erste Anhaltspunkte sind gefunden, davon später mehr.

Die größte Überraschung: Elisabeths Eltern! Elisabeths Geburtsurkunde konnte ich nicht finden. (Auch dazu später ein bißchen mehr.) Das Kirchenbuch, welches ihre Geburt wohl verzeichnet hat, liegt im Diozösanarchiv in Köslin. (Schriftliche Anfragen teuer, Antwort nur auf Polnisch – es ist wesentlich lohnender einmal nach Köslin zu fahren und dort vor Ort zu suchen. Dort dürfte nicht nur in Bezug auf Dahlkes und Spickermänner eine Goldmine sein.

Aber was ich direkt als nächsten Forschungsschritt anpeile, ist das Forschen in den Totenurkunden.

Dies hier war jetzt ein sehr langer Post. Und dabei denke ich, ich könnte noch viel mehr schreiben, viel mehr Details zufügen. Auch habe ich noch andere Dokumente gesehen, die ich in einen Zusammenhang stellen kann. Aber ein Schritt nach dem anderen. 🙂

 

Der kleine Herbert, Teil 1

Diesen Blogpost schiebe ich schon einige Zeit vor mir her … bereits als Kind habe ich immer wieder „vom kleinen Herbert“ gehört. Und nicht nur dass, sobald von ihm die Rede war, fingen einige Angehörige an zu weinen. Ich begann an meine Mutter an „dem kleinen Herbert“ zu fragen … und bekam nur ausweichende Antworten bis sie endlich anfing mir von ihm zu erzählen und plötzlich machte vieles Sinn und meine genealogische Reise begann …

Ich hatte nur einen Onkel – den Bruder meines Vaters. Meine Mutter hatte keine Geschwister, aber als ich sie als kleines Kind fragte, ob sie Einzelkind sei, sagte sie „nein“. Weil ich das nicht verstand, habe ich mehrfach gefragt. Einmal, daran erinnere ich mich noch sehr gut, sagte auch Opa Albin etwas … Opa Albin war sehr schwerhörig und sprach nur wenig. Ich fragte meine Mutter, ob sie Einzelkind sei, da sie ja keine Geschwister hätte. „Nein! Nein!“ sagte mein sonst so ruhiger Opa. Ich fragte „Bruder oder Schwester … und wo ist derjenige??“ Opa schwieg und schaute weg. Mama sagte auffallend behutsam „Der kleine Herbert … der ist im Krieg gestorben.“.

Wie alt ich war, weiß ich nicht mehr, aber ich muss noch nicht aus der Grundschule rausgewesen sein. In dem Moment habe ich verstanden, dass da etwas passiert ist. Ich meine noch am gleichen Tag hätte ich Mama alleine aufgesucht und noch mal gefragt … „wer ist denn der kleine Herbert“?

Und so hörte ich zum ersten Mal die Geschichte, die ich in den kommenden Jahren immer wieder hören sollte:

Anna Spickermann

Anna Spickermann

Der kleine Herbert war das erste Kind von Oma Anna und Opa Albin. Er war gegen Ende des 2. Weltkrieges in Schneidemühl geboren worden. Opa war als Soldat im Krieg und Oma (in der Familie Frauchen genannt) lebte zusammen mit ihrer Mutter ‚Großmutter Spickermann‘ (Elisabeth Dahlke, verh. Spickermann) in Schneidemühl auf der Königsblicker Str. 28. Der Winter 1944/1945 war sehr hart und kalt. Es gab Nöte, aber eigentlich spürte man den Krieg in Schneidemühl nicht. Gegen Mitte Januar 1945 kamen dann immer mehr Nachrichten, dass die Russen immer näher an Pommern rankamen … aber für die Schneidemühler war das nicht wirklich eine Bedrohung … vom Gefühl her. Niemand konnte sich vorstellen, dass die Russen bis Schneidemühl vordringen würden. Doch bald kamen Ost-Flüchtlinge durch Schneidemühl. DURCH! Die Flüchtlinge sagten den Schneidemühlern, sie sollten abhauen, die Russen kommen. Frauchen war wohl besorgt, dachte da aber immer noch nicht, dass sie Schneidemühl verlassen müsste. Davon abgesehen, hätten sie nicht so einfach flüchten können, denn selbst Vorbereitungen zur Flucht waren verboten. Als die ersten anfingen ihre Sachen zu packen, wurden diese an Straßenlaternen aufgehangen. Da verstand Frauchen, dass es vielleicht doch ernster war als gedacht. Aber was sollte sie machen? Sie lebte mit ihrer alten Mutter und ihrem Säugling in sehr einfachen Verhältnissen. Draußen war tiefster Winter … sie blieben. Am 25. Januar 1945 feierte Frauchen ihren 33. Geburtstag.

Am Morgen des 26. Januar 1945 hörten dann die Einwohner von Schneidemühl von Süden kommend die russischen Stalinorgeln. Die Nazi-Verwalter der Stadt waren über Nacht geflohen, die Bevölkerung flüchtete unter chaotischsten Umständen. Es kam zum katastrophalen Umständen, denn alle wollten mit den Zügen aus Schneidemühl flüchten. Der Bahnhof von Schneidemühl lag (und liegt) im Süden der Stadt und der Bahnhof und der große freie Platz davor wurde von den Russen mit Stalinorgeln beschossen.

All das klingt unvorstellbar. Aber es gibt eine Vielzahl von Berichten darüber – auch von russischer Seite. Die Zivilisten wurden mit großen Geschütz beschossen. Die sog. Stalinorgeln, auch Katjuscha genannt, war ein Fahrwerk auf dem mehrere Schussrohre befestigt waren und das sah so aus wie eine Orgel. Die Ladezeit der Schussrohre war relativ lang, da aufwendig, allerdings einmal beladen, wurden die Geschosse in Sekundentakt abgeschossen. Lt. dem Wikipedia Eintrag lag die Reichweite, je nach Modell, bei 2.500 m bis 11.800 m. Es konnten im Sekundentakt 16 bis 54 Raketen abgefeuert werden. Ein Albtraum, wenn man bedenkt … die flüchtenden Zivilisten, schwer bepackt, schleppen sich und ihre Habseligkeiten zum Bahnhof und plötzlich kommt ein schier unendliches Raketen(!)feuer auf sie nieder. Ich habe mit den Jahren viele Berichte über die Zustände am Bahnhof gelesen. Und ein „Bild“ wird immer wieder aufgerufen: Es regnete Körperteile.

Wie eine Stalinorgel aussieht und vor allem wie sie sich anhört, kann man in diesem kurzen YouTube-Klip einer ARD-Doku sehen.

Anscheinend aus der gleichen ARD-Doku wieder ein sehr kurzer Klip, bei dem man aber sehr gut das Fahrwerk unter der Stalinorgel sehen kann.