Anna Spickermann heiratet Albinus Bernhard Klatt

Anna Spickermann heiratet Albinus Bernhard Klatt

Hochzeitsfoto Anna Spickermann und Albinus Bernhard Klatt

Hochzeitsfoto Anna Spickermann und Albinus Bernhard Klatt

Zunächst eine kleine „wie blöd bin ich“ Frage an mich selbst – ich antworte selbst: Manchmal ziemlich stark. Da ich ja eh meine jahrzehnte lange genealogische Forschung umsortiere und besser organisiere, komme ich immer wieder an Punkte, wo ich mich über mich selbst wundere. (zB bei Suchanfragen im Internet Foren-Einträge von mir selbst zu finden, wo ich Dinge frage, zu denen ich eigentlich schon Dokumente vorliegen habe, mir diese einfach mal genauer anschauen sollte.) Bereits vor einigen Monaten hatte ich diesen Moment der Erkenntnis – oder anders: meine Handfläche klatschte an meine Stirn – als ich mir den Mikrofilm der Mormonen anschaute, auf dem der Familienbuch-Eintrag meiner Großeltern mütterlicherseits sich befand.

Foto des Einbandes des Familienbuches aus dem Jahre 1939 aus Schneidemühl

Foto des Einbandes des Familienbuches aus dem Jahre 1939 aus Schneidemühl

Ja, kann denn da was Neues drinstehen, was mir helfen könnte? Eigentlich nicht, oder? Trauzeugen wären spannend, aber Datum und Namen kenn ich doch … den Mikrofilm kann ich ja mal sichten, wenn ich Zeit hab. Denkste Puppe! Hätte ich den Film früher angefordert und gesichtet, hätte ich die Geburtsurkunde meiner Uroma (dazu später sehr viel mehr!) superschnell finden und einordnen können. Aber das ist natürlich nicht alles. Schauen wir uns das Dokument mal gemeinsam an …

Das Dokument:

Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

„Schneidemühl, den 18. Oktober 1939

1. Der Soldat, Kraftwagenführer Albinus Bernhard Klatt, katholisch, geboren am 23. August 1912 in Riege (Standesamt Rose, Kreis Deutsch Krone, Nr. 39/1912), wohnhaft in Schneidemühl, Gönner Weg 2

und die

2. ____(??)gehilfin Anna Spickermann, katholisch, geboren am 25. Januar 1912 in Schneidemühl (Standesamt Schneidemühl Nr. 66/1912), wohnhaft in Schneidemühl, Königsblicker Straße 28 erschienen heute ….

Als Zeugen waren anwesend:

1. Die Arbeiterin Antonia Klatt, durch Arbeitsbuch ausgewiesen, 30 Jahre alt, wohnhaft in Schneidemühl, ____(??)austraße 1

2. Der Kraftwagenführer Johannes Heldt, durch _________(???) ausgewiesen, 26 Jahre alt, wohnhaft in Schneidemühl, _____(??)straße 10.

[Formulartext]

Unterschriften Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Unterschriften Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Die Unterschriften von meinem Opa Albin, meiner Oma Anna, meiner „Tante“ Toni und von dem mir bisher unbekannten Johannes Heldt.

Zweiter Teil Heiratsurkunde von Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Zweiter Teil Heiratsurkunde von Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

„2. Teil, I. Eltern der Ehegatten

1. Vater des Mannes: [frei]

2. Mutter des Mannes: [frei]

3. Vater der Frau: Spickermann, Emil,

Arbeiter, (letzter) Wohnort Schneidemühl, kath., Geburtsort Stöwen, Geburtstag 7.11.1870, (Standesamt und Nr.) Pfarramt Schneidemühl

4. Mutter der Frau: Dahlke, Elisabeth

(Beruf durchgestrichen/ausgelassen), Wohnort Schneidemühl, kath., Geburtsort Schneidemühl, 9.10.1874 (Standesamt und Nr.) Schneidemühl Nr. 14

Eheschließung: Schneidemühl, 26.10.1899, Schneidemühl Nr. 109

II. Teil Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

II. Teil Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

II. Teil Angaben über die Ehegatten

1. Mann

rassische Einordnung: deutschblütig

2. Frau

rassische Einordnung: deutschblütig

III. Teil Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

III. Teil Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

III. Gemeinsame Kinder

1. Herbert

Geburtsort Schneidemühl, 24. August 1944, (Standesamt und Nr.) Schneidemühl Nr. 1454/1944 [Unterschriftkürzel des nachtragenden Beamten] 25.8.44″

Auswertung:

Zunächst einmal zur Quelle des Familienbuches: Das sog. Familienbuch dieser Zeit ist Teil der Personenstandesgesetze. Es ist im Grunde nicht viel anders als die seit 1874 geführten Heiratsregister. Aber es gibt Feinheiten, die erwähnt werden sollten. Allen voran die Intention der Regierenden dieser Änderung im Personenstandsgesetz: Im ab jetzt zu führenden Familienbuch sollte es für jeden ersichtlich sein, welche Ahnen die Familie hatte. Eingeführt wurde diese Änderung von der Nazi-Regierung am 3. November 1937. Zu dieser Zeit werden Juden und andere „Unerwünschte“ bereits massiv diskriminiert und aus dem öffentlichen Leben herausgedrängt. Zunächst wird hier von den Nazis gesetzlich festgelegt, dass ab nun die „Ahnen“ und Nachkommen im Heiratsregister (jetzt: Familienbuch) gelistet werden sollen. Am 19. Mai 1938 folgte eine weitere Gesetzesänderung: Nun sollte auch die ehemalige (!) Angehörigkeit an der jüdischen Religion hier dokumentiert werden.

Während sich die Angaben auf dem Dokument selbst sich kaum änderten, wird aus den Gesetzen selbst klar, dass es hier nicht um eine Familien-freundliche Dokumentation der Personen ging, sondern vor allem um leicht nachvollziehen zu können, mit wem man verwandt war.

Wie man an diesem Dokument sieht, wurde im Fall meines Opas nicht weiter darauf bestanden, dass er seine Vorfahren nachwies. Inwieweit dies verpflichtend war, weiß ich leider so ohne weitere Recherchen nicht. Ich vermute aber, bevor mein Opa Soldat wurde, musste er einen „persil-weißen“ Ahnenpass vorweisen. (Ahnenpässe gab es seit 1933.)

Hier begegnen wir also einem Dokument, welches ganz stark von der aktuellen Politik geprägt war. Die Informationen wurden hier nicht nur einfach gesammelt und dokumentiert, es wird auch die Intention sichtbar, warum diese Daten gesammelt und dokumentiert wurden: Damit man stets in der Lage war, die Familienverhältnisse und die jüdischen (oder sonstigen) Einflüsse nachweisen und verfolgen konnte.

Die Angaben unter römische Zwei – „rassische Einordnung – deutschblütig“ – brauche ich gar nicht weiter zu kommentieren.

Die verabscheuenswürdige Politik der Nazis greift hier ganz direkt in den Lebensalltag der Menschen hinein. Die willkürlichen Feindbilder werden selbst in Heiratsdokumenten zementiert.

Das Familienbuch selbst bestand aber weiter noch bis ins Jahr 2008 (?). Beim Standesamt wurde weiterhin das Familienbuch geführt, in dem die direkten Vorfahren, die Heiraten, Sterbefälle und Kinder eingetragen wurden. Vermutlich hat auch diese Praxis dazu geführt, dass Ahnenforschung (ich benutze bewußt dieses Wort hier) in Deutschland einen „ungewünschten Geschmack“ hat.

Nun aber zu den konkreten Angaben aus diesem Dokument!

Mein Opa Albin war LKW-Fahrer bei der Färberei Erbguth in Schneidemühl. Davor, als er noch bei seiner Familie in Riege/Deutsch Krone lebte, arbeitete er vor allem als landwirtschaftlicher Helfer und Arbeiter. Zu dieser Zeit war er auch bereits Soldat. War aber tatsächlich mehr oder minder von seinen soldatischen Pflichten entbunden und war in Schneidemühl stationiert. Geheiratet haben die Zwei, als Albin, Anna und den anderen klar wurde, dass er tatsächlich als Soldat eingesetzt werden könnte. (Heirat der beiden am 18. Oktober 1939, der Überfall auf Polen war am 1. September 1939 gelaufen.)

Mein Patenonkel erzählt immer wieder von dieser Hochzeit: Alkohol gab es nur mit Bezugsmarken. Die Familienfeier an sich war klein und familiär. Mehrere soldatische Vorgesetzte von Opa hatten sich selbst eingeladen und haben innerhalb kürzester Zeit so viel gesoffen, dass sie total betrunken waren.

Die Adresse, die für Opa gelistet ist – Gönner Weg 2 – passt zu einem Adressbuch-Eintrag aus Schneidemühl aus dem Jahre 1938, wo Opa mit der gleichen Adresse auftaucht.

Oma Annas Adresse ist die „altbekannte“ – Königsblicker Str. 28. Hier lebte sie bereits seit Jahren mit ihrer Mutter, ihren Geschwistern (bis diese auszogen) und dort würde sie bis zur Flucht aus Schneidemühl wohnen bleiben.

Zeugen der Hochzeit waren Opas Schwester Toni. „Tante“ Toni hatte die beiden verkuppelt. Und mit seiner nur wenige Jahre älteren Schwester, verstand sich Opa immer am besten. Es erscheint nur logisch, dass sie als Zeugin auftaucht. Etwas überrascht bin ich, dass sie scheinbar mit 30 Jahren alleine in Schneidemühl auftaucht. Ist sie nicht nur „Arbeiterin“ sondern auch unverheiratet, wie es ihr Nachname ( = Geburtsname Klatt) andeutet? Ihre Adresse kann ich leider immer noch nicht genau entziffern.

Der andere Zeuge ist ebenfalls LKW-Fahrer. Ich vermute er dürfte auch für die Färberei Erbguth gearbeitet haben.

Bei den Unterschriften ist mir direkt aufgefallen, wie Albin, Anna und Antonia ihr „großes A“ schreiben. Mag es daran liegen, dass Albin und Antonia aus der gleichen Familie stammen oder in die gleiche Volksschule gingen …

Unterschriften Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Unterschriften Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Der Zweite Teil … manchmal „weiß“ man ja einfach was. So „wußte“ ich einfach, dass in der Heiratsurkunde keine Angaben über meine Urgroßeltern aus Riege stehen würden. Ich wußte es einfach. Eine Enttäuschung es dann auf dem Mikrofilmlesegerät zu sehen, war es dann schon.

Da ich irgendwie schon ahnte oder wußte, dass ich mit diesem Dokument nicht weiter in die Tiefe auf der Klatt Seite komme, habe ich auch diese Dokument lange gar nicht anschauen wollen.

Tja und dann kommen die Angaben von Annas Eltern. Grmpf. Mühsam hab ich die Geburtsurkunde meiner Uroma Elisabeth Dahlke gesucht. Und diese nicht gefunden. Letzendlich habe ich ihre Geburtsurkunde durch dieses Dokument erst gefunden.

Die Angaben zu meinem Uropa dagegen sind einfach nur super erfreulich! Diese fand ich später auch auf der Heiratsurkunde von Uroma und Uropa, allerdings habe ich hier den Vermerk auf etwas ganz Kleines und ganz Wichtiges, was mich springen lässt!😀

Denn Emils Geburt, so steht es hier ganz deutlich zu lesen, ist standesamtlich beurkundet durch das Kirchenbuch der Stadt Schneidemühl! BINGO! Denn das besagte Kirchenbuch gibt es und ist in Polen gut behütet vorhanden. Da ich sowieso in weiter Zukunft nach Polen reisen möchte um genau diese Kirchenbücher zu durchsuchen, bin ich natürlich begeistert!

Und hier kommt nun spätestens der Augenblick, wo ich nur noch laut „NEIN!“ rufe … unter römisch Drei sind die Kinder gelistet:

III. Teil Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

III. Teil Heiratsurkunde Albinus Bernhard Klatt und Anna Spickermann

Haaaaaa ………. ich habe Herberts Geburtsurkunde mühselig selbst gefunden, indem ich alle Geburtsurkunden aus 1945 und 1944 gesichtet habe … naaaajaaaaa. Verena, das hätte einfacher gehen können!

Fazit:

Welche neuen Forschungsansätze habe ich nun?

Urgroßeltern „aus Riege“. Tja, wieder nix. Die kriege und kriege ich nicht zu fassen. Manchmal spiele ich sogar mit dem Gedanken, dass bewußt, die Familienverhältnisse im Dunkeln gehalten wurden. Aber bisher habe ich nur den Hinweis, dass die Großmutter mütterlicherseits von Opa einen polnischen Namen hatte. Wäre das ein Grund die Familienverhältnisse zu verheimlichen? Ich glaube eher nicht. Ganz typisch für meinen Opa war einfach, dass er sehr ruhig war und von sich aus nie etwas erzählte. Dazu passen als die Dokumente, auf denen kaum Angaben sind. Mir scheint da keine Intention dahinter zu stehen, sondern einfach nur seine menschliche Art.

Die Personenstandsakten des Standesamt Rose – bisher scheint es so, als seien sie am Ende des 2. Weltkrieges verloren gegangen. Allerdings gibt es ja immer noch die kleine Hoffnung, dass diese Akten in polnischen Archiven schlafen. (Es gibt ja tatsächlich deutsche Aktenbestände, die immer noch nicht gesichtet und indexiert wurden. Die großen und tollen Aktionen der polnischen Archive in neuster Zeit geben Grund zur Hoffnung, dass alle Betroffene zumindest in absehbarer Zeit hier mehr erfahren könnten.)

Einige direkte Forschungsansätze habe ich sofort umgesetzt: Die Geburtsurkunde von meiner Uroma konnte ich nur durch die Geburtsurkunden-Nummern identifizieren. Hierzu gibt es noch viel zu berichten.

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