Herbert Klatt (1944 – 1945)

Wie bereits mehrfach in diesem Blog berichtet, war bereits in meiner Kindheit ein großer Motivator zur Familienforschung das Schicksal meines Onkels zu erkunden. Denn sein Schicksal legte sich wie ein Schatten über das Leben so vieler. Ich bin der festen Überzeugung, das Leben meiner Mutter wäre anders verlaufen. Das Leben meiner Großeltern mütterlicherseits sowieso – es muss einen gewaltigen Schaden nehmen, wenn das eigene Kind stirbt. Aber selbst ich werde emotional wenn ich an den kleinen Herbert denke. Dabei starb er Jahrzehnte vor meiner Geburt.

Seinen dramatischen letzten Weg muss ich noch besser rekonstruieren. Aber jetzt habe ich zumindest etwas ganz Wichtiges vor mir liegen: Herberts Geburtsurkunde.

Ich weiß, dass selbst Mama, die sich nicht besonders für meine Familienforschung interessierte, gerne gewußt hätte, wie alt Herbert tatsächlich war, sprich wann er geboren wurde.

Aus dem Mikrofilm 302080 der Mormonen „Schneidemühl, Zivilstandsregister, Geburten Januar – Mai 1944“:

Geburtsurkunde Herbert Klatt

Geburtsurkunde Herbert Klatt

Als ich das Dokument auf dem Mikrofilmlesegerät so plötzlich vor mir sah, da war ich richtig vor den Kopf geschlagen. Und ich war überrascht wie viele Emotionen in mir hoch kamen, wirklich die ganze Palette … dann begann ich den Inhalt wieder und wieder zu lesen …

„Geburtsurkunde Nr. 1454

Schneidemühl den 25. August 1944

Die Anna Klatt geborene Spickermann katholisch, wohnhaft in Schneidemühl bei ihrem Ehemanne

Ehefrau des Kraftwagenführers Albinus Bernhard Klatt katholisch

wohnhaft in Schneidemühl, Königsblicker Str. 28

hat am 24. August 1944 um 3 Uhr 10 Minuten zu Schneidemühl in ihrer Wohnung

einen Knaben geboren. Das Kind hat den Vornamen Herbert erhalten.

Eingetragen auf mündliche Anzeige der Frau Anna Maria Spickermann, Schneidemühl, Bromberger Str. 42.“

Das ist sie also, die Geburtsurkunde vom kleinen Herbert.

Was mich so umgehauen hat und immer noch umhaut, ist dass so viele Geburtsurkunden im Jahr 1944 gab! Zwei dicke Mikrofilme voll! (Ich hatte ja zunächst den zweiten Film von 1944 bestellt und komplett durchsucht.)

Das sind nicht nur unheimlich viele Dokumente – das sind alles kleine Menschenleben, die gerade geboren wurden. Das sind jedes Mal Mütter, deren Ehemänner wahrscheinlich irgendwo im Krieg eingesetzt sind. Das sind jedes Mal Familien, die sich über ein Kind freuen, ihm alles Gute wünschen und dennoch sich viele Sorgen machen.

Wie viele dieser vielen Kinder werden überlebt haben?

Wenige Monate später, Ende Januar 1945, werden die Bewohner entweder von den angreifenden Russen getötet werden oder sie müssen mitten im Winter flüchten! All diese Kinder werden kaum ein Jahr alt gewesen sein – wie viele werden die Flucht überlebt haben?

Das sind sehr bedrückende Gedanken. Wenn ich dann noch darüber sinniere, wie sehr das Schicksal dieses Kindes das Leben meiner Familie prägte …

Auswertung:

Am 24. August 1944 wurde die 32jährige Anna Klatt (geborene Spickermann) Mutter. Sie hatte sich einen Jungen so sehr gewünscht, und ihr Wunsch war wahr geworden. Der kleine Herbert wurde einen Tag nach dem 32. Geburtstag seines Vaters Albin geboren. So weit ich weiß, war Opa Albin zu dieser Zeit beim Militär. Und die Geburt angefangen hat – sprich die Wehen setzten wohl schon ein – am Tag davor, an Opas Geburtstag.

Und hier habe ich es „schwarz auf weiß“ – Opa und ich waren in der gleichen Branche tätig. (Oma auch, beide arbeiteten als „Boten“ bei der Firma Erbguth in Schneidemühl.) Opa war LKW-Fahrer, ich bin gelernte Speditionskauffrau und habe bis zu meinem Studium in meinem Beruf gearbeitet.

Ort der Geburt war die Wohnung der Spickermänner – die kleine Wohnung, in der Elisabeth Spickermann (geborene Dahlke) bereits seit vielen Jahren mit ihren Kindern gewohnt hatte. Mit der Zeit waren alle ihre Kinder, bis auf ihre jüngste Tochter Anna, ausgezogen. Und obwohl dies im wahrsten Sinne eine Frauenhaushalt war – Elisabeth früh verwitwert, jetzt in der Kriegszeit lebten die Frauen dort ganz ohne Mann – wird auf der Geburtsurkunde „bezeugt“, dass Anna ihren Sohn in der Wohnung ihres Mannes zur Welt gebracht hätte.

Die Geburt angezeigt hat Anna Maria Spickermann, geborene Sydow. Sie ist die Mutter von Resi, die immer noch sehr lebendig ist. Anna Maria war die Ehefrau von Emil Spickermann, dem Bäcker. („Willst Du Dich mit Schmeling messen, musst Du Spickermann Brot und Kuchen essen.“)

Der kleine Herbert wurde wahrscheinlich nach Herbert, dem mittleren Sohn von Elisabeth M., Elisabeth Spickermanns-geborene Dahlke ältester Tochter, benannt. (Nachnamen lass ich hier aus, Herbert lebt und ich weiß nicht, ob es ihm recht wäre, wenn sein Name hier offen zu lesen wäre.)

Ausblick:

Wie alt war nun der kleine Herbert als er starb?

Wenn ich davon ausgehe, dass Herbert Anfang Februar 1945 starb (und das scheint sehr wahrscheinlich), dann war er gerade einmal fünf Monate alt.

Ein fünf Monate altes Baby, welches vielleicht gerade einmal damit anfangen kann alleine zu sitzen. Und das ist das Baby, mit dessen Schatten meine Mutter ihr ganzes Leben konkurrierte. Erschreckend.

Es sind diese kleinen Details, die „Krieg“ ins „echte Leben“ holen. Wie viele Leben zerstört und belastet werden … es ist unbegreiflich.

Noch ungeklärt:

Wann und wo starb Herbert?

In der Familie gab es eigentlich immer unisono die Antwort – „In Eggersdorf. Dort ist er auch auf einem kleinen Friedhof begraben. Tante Tony und Onkel Nikky haben sich um sein Grab gekümmert. Der Friedhof war in der Ostzone, da konnte die Familie, die im Westen lebte kaum hinkommen.“

Eggersdorf ist heute mit dem Dörfchen Petershagen zusammengefasst und befindet sich östlich von Berlin im Landkreis Märkisch-Oderland in Brandenburg.

Dort gibt es tatsächlich zwei Friedhöfe, wobei nur einer damals schon in Funktion war. Dieser befand sich sogar in Laufweite im ehemaligem Haus von Tante Tony und Onkel Nikky.

Aber meine Recherche dort liefen ins Leere. Keine Unterlagen über eine Beerdigung von Herbert Klatt 1945 vorhanden.

Dann hatte ich eines Tages die wilde Idee doch einfach mal auf findagrave.com nach „Herbert Klatt“ zu suchen. Und siehe da, ich fand einen Eintrag. Kann das sein?!

Eine weitere Suchmaschinensuche … und ich fand dies hier: Online Gefallenendenkmäler.

Auf dem ev. Emmaus-Friedhof in Berlin-Neukölln wird ein „Herbert Klatt“ mit dem Todesdatum „1945“ gelistet. Keine weiteren Angaben.

Kann es sein?!

Auf diesem Friedhof liegen eine ganze Reihe offensichtlicher Zivilisten – Frauen und Kinder. Hier sind also nicht nur Soldaten beigesetzt.

Ob man da einfach mal anrufen kann? Am liebsten würde ich sofort mit dem nächsten Zug oder Bus nach Berlin fahren und mir dieses Grab anschauen … ob ich auch noch das Todesdatum herausfinden kann? Vielleicht sogar in welcher Klinik er behandelt wurde?

Was ich bereits jetzt anders schreiben kann, wäre der Titel dieses Blogeintrages:

Herbert Klatt (24. August 1944 – 1945)

Es ist immer schön und ein bißchen bewegend, wenn man von einem Familienmitglied ein Lebensdatum ergänzen kann. Aber dieses hier, das bewegt mich ganz tief und ich hoffe, dass irgendwo meine Mutter etwas Ruhe findet.

 

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