Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke

Da will ich doch mal direkt mit einer großen Überraschung anfangen, die eine Merkwürdigkeit nach der anderen mit sich bringt – ich habe tatsächlich die Geburtsurkunde von meiner Uroma Elisabeth Dahlke gefunden.

Geboren wurde sie am 9. Oktober 1874. Anfang/Mitte Oktober 1874 begann die Verwaltung der Stadt Schneidemühl damit, Zivilstandsakten zu führen. Den entsprechenden Mikrofilm der Mormonen bestellte ich mir natürlich … und war enttäuscht. Denn ich fand einfach nicht Elisabeths Geburtsurkunde. Ich war perplex, weil ich einfach davon sicher ausgegangen war, ich würde die Geburtsurkunde sofort finden, direkt am Anfang des Films.

Als ich dann die Heiratsurkunde von meiner Oma Anna Spickermann (Tochter von Elisabeth) mit meinem Opa sah, musste ich einfach noch mal in den Mikrofilm schauen. Denn dort in der Heiratsurkunde waren die jeweiligen Geburtsurkunden Nummern mit den ausstellenden Städten genannt.

Und schwupps!! Die Welt steht ein bißchen Kopf!

Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke - allerdings war dies offenbar nicht ihr "Geburtsname"

Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke – allerdings war dies offenbar nicht ihr „Geburtsname“

Hier erstmal das komplette Dokument – jedes Mal wenn ich es betrachte, erinnert es mich an meinen Fehler. Es ist Elisabeth Dahlkes Geburtsurkunde, obwohl ihr Name dort nicht in den entsprechenden Feldern eingetragen ist. (Hart)man(n) muss halt auch stets die Notizen und Änderungen lesen. Denn, wie in diesem Falle, können offizielle Dokumente später geändert oder berichtigt (!) werden.

Aber ich fange mal von vorne an: Diese Aufnahme ist aus dem Mikrofilm „Schneidemühl, Zivilstandsregister, Geburten 1874-1876“.

elisabeth_dahlke_geb_02„Geburtsurkunde Nr. 14

Schneidemühl am 15. Oktober 1874

Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Person nach bekannt der Arbeiter Alexander Bukowski wohnhaft zu Schneidemühl, Bromberger Strasse Nr. 23, katholischer Religion“

elisabeth_dahlke_geb_03

„und zeigte an, daß von der unverehelichten Julie Endisch, ______ Wirtin [???], katholischer Religion, wohnhaft zu Schneidemühl in seiner Wohnung am neunten Oktober 1874 abends um zehn Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches einen [?] Vornamen un_____ [?!] erhalten habe.“

Leider kann ich nicht alles lesen. Dabei hab ich sogar schon Hilfe bekommen von der sehr netten Birgit, die ich in der Forschungsstelle kennengelernt habe.

Um diese Geburtsurkunde abzurunden, schauen wir mal auf die Unterschrift des „Melders“:

elisabeth_dahlke_geb_04Na, wenn das nicht das Dokument von 1874 abrundet – der „Melder“ der Geburt, Alexander Bukowski, „unterzeichnet“ das Dokument mit drei Kreuzen. Sprich: Er konnte nicht schreiben und vermutlich auch nicht lesen.

Normalerweise würde ich jetzt davon ausgehen, dass der zuerst genannt Mann, der auch die Geburt in seiner Wohnung meldet, der Vater ist. Aber naja, das muss halt nicht sein.

Bis hier kann man erstmal feststellen: Es ist kein Mädchen geboren worden, die Mutter hieß Julie Endisch und dem Kind wurde scheinbar kein Vorname gegeben. (Was steht dort genau, ich kann es leider nicht lesen ….)

Aber die Geschichte des Dokumentes geht weiter. Es folgt ein Aktenvermerk vom 24. Oktober 1874. Leider kann ich hier nicht alles entziffern:

„____ Schneidemühl den 24. Oktober 1874 vor dem Standesbeamten erschien der Person nach bekannte Arbeiter Alexander Bukowski und zeigte an, dass von der Julie Endisch am 9. Oktober geborene Kind den Vornamen Elisabeth erhalten habe.“

Wieder von Alexander Bukowski mit drei Kreuzen unterzeichnet.

Wie gesagt, ich kann nicht alles lesen und hier half mir bereits Birgit.

Das Mädchen hat jetzt den Namen Elisabeth Endisch. Gemeldet wurde die Geburt und die Vergabe des Vornamens vom Arbeiter Alexander Bukowski. In dessen Wohnung brachte Julie Endisch das Kind zur Welt.

Und hier der letzte Aktenvermerk:

elisabeth_dahlke_geb_06„Die Mutter des Kindes ist die unverehelichte Johanna Dahlke“

Wieder kann ich Einiges nicht genau entziffern, aber die Änderung erfolgt auf Anordnung des „Königlichen Kreisgerichts zu Schneidemühl am 3. März 1898

Schneidemühl am 08 März 98“

Ein letzter Nachtrag „H. geheiratet No. 109/1899 hier“.

Auswertung:

Was für ein Dokument! So eine Geburtsurkunde ist mir bisher noch nicht begegnet! Und ich mache das ja nun schon seit über 20 Jahren. (Meine Güte bin ich alt mittlerweile ….)

Ich werde das Dokument nun „zeitlich von hinten“ aufblättern, so wird es einfacher.

1899 heiratet Elisabeth. Bevor sie das machen kann, muss sie den Behörden ihre Geburtsurkunde vorlegen. Das wird wahrscheinlich bereits 1898 geschehen sein, vielleicht aber auch schon 1897. Denn Anfang März 1898 ordnet das Kreisgericht von Schneidemühl an, dass diese hier vorliegende Geburtsurkunde geändert werden muss. (Wie lange solch ein Antrag und Prozess wohl damals gedauert hat?)

Sagen wir, Elisabeth wollte 1897 heiraten. Zu diesem Zeitpunkt wäre sie dann 22/23 Jahre alt gewesen. Emil Spickermann, ihr zukünftiger Ehemann, war übrigens 26/27 Jahre und bereits verwitwert. Und Elisabeth stellt fest, dass sie laut ihrer Geburtsurkunde Elisabeth Endisch heißt, Vater nicht genannt. Der einzige Mann, der erwähnt wird, ist die Person, in dessen Wohnung sie zur Welt kommt.

Sie geht zum Kreisgericht und die Geburtsurkunde wird geändert. Sie kann heiraten. Die Änderung des Dokumentes erfolgt Anfang März 1898, die Hochzeit findet am 25. Oktober 1899 in Schneidemühl statt.

Klingt das logisch?

Warum ist da „so viel Zeit“ zwischen der Dokumentenänderung und der Hochzeit? Über ein Jahr! Fast ein Jahr und sieben Monate. Das ist wirklich lang!

Eine andere Idee. Wir werfen einen Blick auf die Hochzeitsurkunde von 1899.

Dort werden Elisabeth Dahlkes Eltern erwähnt: Johanna Dahlke und Heinrich Binnenböse. Ebenfalls erwähnt ist, dass die Eltern zum Zeitpunkt der Geburt nicht verheiratet waren, dies aber später nachholten. Am 25. Oktober 1899 wird ebenfalls erwähnt, dass beide – Johanna und Heinrich – bereits verstorben sind.

Kann es sein, dass Elisabeth damit begann ihre Geburtsurkunde zu ändern, als ihre Eltern starben und es auffiel, dass die Angaben in der Geburtsurkunde nicht korrekt waren? Oder könnte es auch sein, dass die Behörden von selbst begannen einen „Verwaltungsprozess“ (wie auch immer geartet) zu starten, um die Angaben auf dem Dokument zu korrigieren?

Andere Dokumente, die hier helfen können Klarheit zu bringen:

index_binnenböse_dahlkeSchlechtes (Arbeits-)Foto aus dem „Personenstandsakten Schneidemühl Index Geburten, Heirat, Tote 1874-1876“.

1875 Binnenböse Carl Heinrich Arbeitsmann und Dahlke Johanna.

1876 wird dort die Geburt einer Maria Binnenböse gelistet. Die Geburtsurkunde habe ich natürlich direkt gesichtet. (Aus dem gleichen Mikrofilm, in dem auch Elisabeths Geburtsurkunde abgebildet ist.)

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Ich mache jetzt eine kurze Zusammenfassung:

Schneidemühl 13. Mai 1896

Heinrich Carl Binnenböse, evangelisch und seine Ehefrau Julie Binnenböse, geborene Dahlke, am 11. Mai 1896 morgens um 7 Uhr ein Mädchen mit dem Namen Maria geboren wurde. Heinrich „unterzeichnete“ mit drei Kreuzen.

Am 22. Mai 1896 wurde ein Nachtrag vermerkt: Angeordnet vom Königlichen Kreisgericht wird geändert, dass die Mutter Johanna nicht Julia heißt.

Auswertung:

Offensichtlich kann das Königliche Kreisgericht sehr schnell Änderungen anordnen. Am 13. Mai wurde die Geburtsurkunde erstellt, das Kreisgericht ließ bereits am 22. Mai die Urkunde abändern.

Interessant ist, dass der Vorname der Mutter geändert wurde. War Julia oder Julie vielleicht ihr Rufname?

Ich rätsel ja immer noch, ob es aus der Verbindung weitere Kinder gibt. Aber die beiden weiblichen Namen – Elisabeth und Maria – machen aus christlich-katholischer Namensgebungstradition stark Sinn. (Es steht hier noch eine Erzählung aus, die ich nachholen werde. Meine Mutter hieß Regina, es gab auch eine Maria. Ich werde darauf zurückkommen.) Vielleicht gab es aber auch noch Jungs?

Offene Fragen:

… die sich vielleicht gar nicht mehr klären lassen …

Sind zu diesen Geburtsurkundenänderungen Gerichtsakten entstanden? Wenn ja, sind diese eventuell noch erhalten im Archiv (in Pila)?

Warum Julie/Julia? Julie französisch ausgesprochen? Ist das vielleicht der Rufname? Gab es in der Familie (die Mutter?) eine weitere Johanna?

Wo kommt der Nachname „Endisch“ her?!?

Wer ist Alexander Bukowski und in welchem Verhältnis stand er zu Johanna Dahlke? Lebte Johanna damals bei ihm? Oder war sie nur für die Geburt dort? Das Kind kam um 10 Uhr abends auf die Welt. Hausgeburten waren damals üblich. Häufig werden Hebammen als „Melder“ der Geburten gemeldet. Eine Hebamme scheint sich aber nicht mit dieser Geburt beschäftigt zu haben?

Wo war Heinrich Carl Binnenböse zur Zeit der Geburt von Elisabeth? Lebten die zwei zusammen? War Heinrich vielleicht einfach nicht in der Stadt aus welchem Grund auch immer?

Kann es sein, dass Elisabeths Geburtsurkunde gesichtet wurde, als ihre Eltern oder ein Elternteil verstarb? (Erbschaftsreglung?) Oder steht die Dokumentenänderung mit ihrer Hochzeit zu Emil Spickermann in einem direkten Zusammenhang?

Was wurde aus Maria Binnenböse?

Ist das nicht spannend? Für mich kommt das alles sehr unerwartet. Aber immerhin bin ich nicht mehr so perplex wie ich am Anfang war, als ich zuerst merkte, dass die tatsächlich die Geburtsurkunde von Elisabeth ist.

Und jetzt bin ich müde. Bis zum nächsten Blogpost!🙂

 

3 Gedanken zu „Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke

  1. Pingback: Dahlke – Dahlke – Dahlke | verenahartmann

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