Lorenz Eckert, mein Urgroßvater väterlicherseits

Auch wenn ich mich in diesem Blog vor allem mit meiner mütterlichen Familienseite beschäftigen will, möchte ich doch zumindest ab und an Beiträge über meine väterliche Seite einstellen.

Heute möchte ich über einen meiner Urgroßväter schreiben: Lorenz Eckert aus Flörsheim.

Geboren wurde Lorenz in Flörsheim am Main im heutigen Main-Taunus-Kreis in Hessen. Flörsheim ist und war eine kleinere Stadt. Seine Ursprünge sind römisch – auf dem Gebiet des heutigen Flörsheim zweigte eine Römerstrasse von einer weiteren ab. Für gewöhnlich entstanden an solchen Abzweigungen römische Siedlungen, jedoch ist über das römische Flörsheim wenig bekannt. Ein burgus wurde vor Jahren gefunden aber nicht wirklich ergraben und es ist so gut wie nichts publiziert. Nach den Römern siedelten sich Franken an. Flörsheim wird zum ersten Mal 828 urkundlich erwähnt. Ein Stadt mit langer Geschichte also. In der Neuzeit wurde Flörsheim vor allem durch die Flörsheimer Fayence Fabrik (FFF) geprägt, welche von 1765 bis 1914 Bestand hatte. Das Wappen der Stadt zeigt ein Schiff auf dessen Segel ein „FFF“ abgebildet ist. Man kann sich denken, wie wichtig der angrenzende Main für den Handel, gerade mit dem Porzellan und der Fayence war. Mehr oder minder kommen fast alle Vorfahren meiner Großmutter väterlicherseits aus Flörsheim und direkter Umgebung. (Vielleicht mache ich auch noch einen ordentlichen Ortskunde Beitrag über Flörsheim.)

Lorenz war das jüngste Kind von Johann Eckert und seiner Frau Susanna Schneider. Er wurde am 3. Februar 1890 in Flörsheim geboren.

Wann er seine spätere Frau Karolina „Lina“ Lehmann traf, weiß ich nicht. Leider weiß ich auch nicht, wann sie Verlobung feierten. Aber anläßlich der Verlobung ließen die beiden dieses Foto aufnehmen:

Lina Lehmann und Lorenz Eckert, Verlobungsfoto

Lina Lehmann und Lorenz Eckert, Verlobungsfoto

Das erste Kind, Otto, kam 1907 auf die Welt. Das zweite Kind, meine Großmutter Elisabeth „Elli“, kam 1918.

Mein Urgroßvater war Fabrikarbeiter in den Farbwerken in Hoecht. Sein Tod war ein Unglücksfall in jenem Werk. Vor einigen Jahren habe ich die Sanofi-Aventis AG angeschrieben, ob es noch Akten zu meinem Urgroßvater oder dem Unfall gäbe. Liebenswürdigerweise wurden mir zwei Scans von Briefdurchschlägen zugesandt.

Der erste Brief (bzw. der Durchschlag) war an meine Urgroßmutter Lina adressiert, die 24jährig kurz vor Weihnachten Witwe mit zwei kleinen Kindern wurde:

„11. Dezember 1920

Frau Lorenz Eckert, Flörsheim

Mit grösstem Bedauern erfahren wir, dass Ihr Gatte der bei unserem Explosions-Unglück verletzt wurde und für den wir eine Wiederherstellung erhofften, nun doch verschieden ist. Wir sprechen Ihnen zu diesem schmerzlichen Verlust unsere aufrichtigste Anteilnahme und werden dem Verstorbenen, der in treuer Pflichterfüllung sein Leben lassen musste, stets ein eherndes Gedenken bewahren.

Zur Linderung der ersten Not überweisen wir beiliegenden M 2000.- und übernehmen die sämtlichen Beerdigungskosten.

Ueber eine weitere spätere Unterstützung werden wir Ihnen demnächst Mitteilung machen. Hochachtungsvoll“

Ich weiß nicht wie selbstverständlich es damals war, dass die Firma die Kosten für die Beerdigung übernahm und auch eine Sofortausschüttung gewährte. Was ich weiß ist, dass die kleine nun vaterlose Familie direkt in die Armut rutschte, was eine große Veränderung war, denn mit dem Fabrikarbeiterlohn ließ es sich bis dahin recht gut leben.

Das Sanofi-Aventis Archiv hatte ich vor allem angeschrieben in der Hoffnung etwas mehr über das Unglück selbst zu erfahren. Ich war überrascht als ich den Durchschlag des Briefes an Lina erhielt. So bedrückend dieser Brief war, noch etwas bedrückender ist die Durchschrift des Briefes des Farbwerkes an die Berufsgenossenschaft:

„Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning Hoechst a. Main               11. Dezember 1920

An die Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie, Sektion VIII, Frankfurt a. M.

Am 8. ds. Mts. mittags 12 3/4 Uhr ereignete sich auf unserem Werk ein schwerer Unglücksfall. In dem Paranitranilin-Betrieb explodierte ein mit Ammoniak gefülltes Druckgefäß. Der abgerissene Deckel zertrümmerte das Dach des Gebäudes und flog auf eine ca 500 m entfernte Wage der Staatsbahn. Das fragliche Druckgefäß war erst vor etwa 14 Tagen den Vorschriften entsprechend von dem staatlichen Beamten auf seine Druckfestigkeit geprüft und vollständig in Ordnung gefunden worden, sodass eine Aufklärung des Unglücksfalles bis jetzt noch nicht gegeben werden kann.

Leider waren gerade an dem Druckgefäß mehrere Arbeiter beschäftigt, sodass 5 derselben getötet wurden und 6 weitere mehr oder weniger schwer verletzt worden sind. Von letzteren ist der Arbeiter Lorenz ECKERT aus Flörsheim gestern vormittags im hiesigen Krankenhaus gestorben. Die Namen der tödlich Verunglückten sind:

Gottlieb Kaiser aus Nied, Peter Dunstheimer aus Frankfurt, Lepold Breunig aus Frankfurt, Georg Diefenbach aus Soden und Adam Lauer aus Bremsthal; alle 5 Getöteten sowie der Verstorbene waren verheiratet.

Der Sachschaden ist bedeutend, doch ist der gesamte Betrieb des Werkes nicht gestört. Die Unfallanzeige fügen wir in doppelter Ausfertigung hier bei.

Hochachtungsvoll Farbwerke vorm. Meister Lucius & Brüning“

Bevor ich diese Durchschrift erhielt, war ich davon ausgegangen, dass auch Lorenz direkt am Tag der Explosion gestorben sei, aber er überlebte noch knapp zwei Tage. Lorenz‘ Kinder sind nicht erwähnt, nur dass er verheiratet war. Der gleiche Vermerk ist bei den anderen Männern gemacht, es ist zu befürchten, dass dieses Unglück viel Leid unter die Familien gebracht hat – abgesehen natürlich durch den sowieso schon schweren Verlust eines Familienmitglieds.

Gehofft hatte ich zu erfahren, was für eine Explosion Lorenz zum Verhängnis wurde. Es ist im Grunde hier sehr gut geschildert. Ein Druckgefäß mit Paranitranilin explodierte.

Paranitranilin, häufiger Nitranilin genannt, wurde wohl als Farbstoff für Nadelhölzer eingesetzt. Der Herstellungsprozess – u.a. reiner Alkohol, Ammoniak und andere Stoffe – klingt in der Tat nach einer explosionsfreudigen Masse. Woran Lorenz genau starb ist mir aber weiterhin unklar. Verätzung? Verbrennung? Erschlagen von Trümmerteilen? Seine Sterbeurkunde verät leider auch nicht mehr.

Sterbeurkunde von Lorenz Eckert

Sterbeurkunde von Lorenz Eckert

Lorenz hatte nur ein sehr kurzes Leben, nur 30 Jahre ist er geworden. Sein Tochter Elli hatte quasi nicht einmal die Chance ihn kennenzulernen.

Wo er beigesetzt wurde, weiß ich leider nicht. Wo er vielleicht noch Verwandtschaft hatte, außer in Flörsheim, verrät seine Sterbeanzeige.

Sterbeanzeige Lorenz Eckert

Sterbeanzeige Lorenz Eckert

Familie in Nürnburg? Vielleicht auch in Hoechst, oder ist Hoechst nur angegeben als Sterbeort? Traurig ist die Sterbeanzeige auf jeden Fall, egal wo die Familie war. Noch trauriger wird es, wenn man an die Hinterbliebenen denkt – nicht nur Lina mit den Kindern, auch Johann Eckert, Lorenz‘ Vater „überlebte“ seinen jüngsten Sohn, ob seine Mutter Susanna noch lebte, weiß ich nicht. Und dieses Unglück betraf noch fünf weitere Arbeiterfamilien …

Fragen zu Lorenz habe ich noch eine ganze Menge, obwohl ich so viel zu ihm weiß. War er im 1. Weltkrieg? 1914 war er 24 Jahre alt. Welche Augenfarbe, wie war er als Mensch? Ich befürchte, eine realistische Chance all dies herauszufinden ist gering, aber ich hätte auch nie gedacht, dass ich so viel über seine Todesumstände erfahren könnte …

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