Der kleine Herbert, Teil 1

Diesen Blogpost schiebe ich schon einige Zeit vor mir her … bereits als Kind habe ich immer wieder „vom kleinen Herbert“ gehört. Und nicht nur dass, sobald von ihm die Rede war, fingen einige Angehörige an zu weinen. Ich begann an meine Mutter an „dem kleinen Herbert“ zu fragen … und bekam nur ausweichende Antworten bis sie endlich anfing mir von ihm zu erzählen und plötzlich machte vieles Sinn und meine genealogische Reise begann …

Ich hatte nur einen Onkel – den Bruder meines Vaters. Meine Mutter hatte keine Geschwister, aber als ich sie als kleines Kind fragte, ob sie Einzelkind sei, sagte sie „nein“. Weil ich das nicht verstand, habe ich mehrfach gefragt. Einmal, daran erinnere ich mich noch sehr gut, sagte auch Opa Albin etwas … Opa Albin war sehr schwerhörig und sprach nur wenig. Ich fragte meine Mutter, ob sie Einzelkind sei, da sie ja keine Geschwister hätte. „Nein! Nein!“ sagte mein sonst so ruhiger Opa. Ich fragte „Bruder oder Schwester … und wo ist derjenige??“ Opa schwieg und schaute weg. Mama sagte auffallend behutsam „Der kleine Herbert … der ist im Krieg gestorben.“.

Wie alt ich war, weiß ich nicht mehr, aber ich muss noch nicht aus der Grundschule rausgewesen sein. In dem Moment habe ich verstanden, dass da etwas passiert ist. Ich meine noch am gleichen Tag hätte ich Mama alleine aufgesucht und noch mal gefragt … „wer ist denn der kleine Herbert“?

Und so hörte ich zum ersten Mal die Geschichte, die ich in den kommenden Jahren immer wieder hören sollte:

Anna Spickermann

Anna Spickermann

Der kleine Herbert war das erste Kind von Oma Anna und Opa Albin. Er war gegen Ende des 2. Weltkrieges in Schneidemühl geboren worden. Opa war als Soldat im Krieg und Oma (in der Familie Frauchen genannt) lebte zusammen mit ihrer Mutter ‚Großmutter Spickermann‘ (Elisabeth Dahlke, verh. Spickermann) in Schneidemühl auf der Königsblicker Str. 28. Der Winter 1944/1945 war sehr hart und kalt. Es gab Nöte, aber eigentlich spürte man den Krieg in Schneidemühl nicht. Gegen Mitte Januar 1945 kamen dann immer mehr Nachrichten, dass die Russen immer näher an Pommern rankamen … aber für die Schneidemühler war das nicht wirklich eine Bedrohung … vom Gefühl her. Niemand konnte sich vorstellen, dass die Russen bis Schneidemühl vordringen würden. Doch bald kamen Ost-Flüchtlinge durch Schneidemühl. DURCH! Die Flüchtlinge sagten den Schneidemühlern, sie sollten abhauen, die Russen kommen. Frauchen war wohl besorgt, dachte da aber immer noch nicht, dass sie Schneidemühl verlassen müsste. Davon abgesehen, hätten sie nicht so einfach flüchten können, denn selbst Vorbereitungen zur Flucht waren verboten. Als die ersten anfingen ihre Sachen zu packen, wurden diese an Straßenlaternen aufgehangen. Da verstand Frauchen, dass es vielleicht doch ernster war als gedacht. Aber was sollte sie machen? Sie lebte mit ihrer alten Mutter und ihrem Säugling in sehr einfachen Verhältnissen. Draußen war tiefster Winter … sie blieben. Am 25. Januar 1945 feierte Frauchen ihren 33. Geburtstag.

Am Morgen des 26. Januar 1945 hörten dann die Einwohner von Schneidemühl von Süden kommend die russischen Stalinorgeln. Die Nazi-Verwalter der Stadt waren über Nacht geflohen, die Bevölkerung flüchtete unter chaotischsten Umständen. Es kam zum katastrophalen Umständen, denn alle wollten mit den Zügen aus Schneidemühl flüchten. Der Bahnhof von Schneidemühl lag (und liegt) im Süden der Stadt und der Bahnhof und der große freie Platz davor wurde von den Russen mit Stalinorgeln beschossen.

All das klingt unvorstellbar. Aber es gibt eine Vielzahl von Berichten darüber – auch von russischer Seite. Die Zivilisten wurden mit großen Geschütz beschossen. Die sog. Stalinorgeln, auch Katjuscha genannt, war ein Fahrwerk auf dem mehrere Schussrohre befestigt waren und das sah so aus wie eine Orgel. Die Ladezeit der Schussrohre war relativ lang, da aufwendig, allerdings einmal beladen, wurden die Geschosse in Sekundentakt abgeschossen. Lt. dem Wikipedia Eintrag lag die Reichweite, je nach Modell, bei 2.500 m bis 11.800 m. Es konnten im Sekundentakt 16 bis 54 Raketen abgefeuert werden. Ein Albtraum, wenn man bedenkt … die flüchtenden Zivilisten, schwer bepackt, schleppen sich und ihre Habseligkeiten zum Bahnhof und plötzlich kommt ein schier unendliches Raketen(!)feuer auf sie nieder. Ich habe mit den Jahren viele Berichte über die Zustände am Bahnhof gelesen. Und ein „Bild“ wird immer wieder aufgerufen: Es regnete Körperteile.

Wie eine Stalinorgel aussieht und vor allem wie sie sich anhört, kann man in diesem kurzen YouTube-Klip einer ARD-Doku sehen.

Anscheinend aus der gleichen ARD-Doku wieder ein sehr kurzer Klip, bei dem man aber sehr gut das Fahrwerk unter der Stalinorgel sehen kann.

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