Ortskunde am Beispiel von Riege/Deutsch Krone, Teil 2

Und nun zum zweiten Teil. (Teil 1 befindet sich hier: https://verenahartmann.wordpress.com/2013/06/08/ortskunde-am-beispiel-riegedeutsch-krone-teil-1/ )

Welche meiner Verwandten lebten in welcher Zeit in Riege und wie waren die Lebensumstände: So viel ich weiß, die Familie von August Klatt und Wilhelmine Fick. Über das wie lange und wie weiß ich leider wenig …

Klatt_Riege_um1913_01

Die Klatts aus Riege/Deutsch Krone um 1913.

(Für mehr Informationen über das Foto und wer darauf abgebildet ist, hier klicken: https://verenahartmann.wordpress.com/2013/05/11/familienfoto-die-familie-klatt-aus-riegedeutsch-krone-um-1913/ )

Welchen konkreten Nachweis habe ich davon, dass diese Familie dort lebte? Nun, eigentlich nur den Führerschein und den Wehrpass von meinem Opa, der der jüngste Sohn der Zwei war. Ab 1945 war es meinem Opa bis an sein Lebensende nicht mehr möglich beglaubigte Abschriften/Kopien von Dokumenten zu erhalten, die seine Abstammung oder auch einfach nur seine Geburt bescheinigten. (Auch das ein Aspekt der Heimatvertreibung.) Alle Dokumente, die nach 1945 ausgestellt wurden, egal ob offiziell (sogar auf seiner Sterbeurkunde) oder von Versicherungen, hatte stets den Hinweis „Angaben nicht beglaubigt“ (neben den Feldern, die Daten aus der Zeit vor 1945 bescheinigen würden). Das wirkt schon sehr eigenartig wenn man es immer wieder sieht. Wie sich das für meine vertriebenen Verwandten angefühlt haben muss, nie beweisen (!) zu können, tatsächlich die Identität zu haben, die sie schon immer hatten, weiß ich natürlich nicht. Gut kann es sich nicht angefühlt haben.

Konkret kann ich also die Familie nur über meinen Opa über diese wenigen Vermerke in Riege offiziell verorten.

Es gibt allerhand Adressbücher, die teilweise auch online zu durchsuchen sind. Aber weder in Adressbüchern, die ich in Bibliotheken eingesehen habe, noch in Online-Abfragen, konnte ich Einträge für Klatt mit Riege/Deutsch Krone nachweisen. Riege ist mir bei Online-Abfragen bei den Adressbüchern über die Pommerndatenbank überhaupt nicht begegnet. Ich vermute (!), dass Riege in den Adressbüchern von Schneidemühl gelistet gewesen wäre, aber selbst da bin ich nicht sicher.

Riege habe ich bei den Verlustlisten des Ersten Weltkrieges (Abfrage über die CompGen Website) mit sechs Einträgen gefunden, allerdings nicht für den Namen Klatt. Riege tauchte also als Ort auf, nur nicht in den Adressbüchern, die mir bisher zugänglich waren.

Diese Suchen liefen also (bisher) ins Nichts. Was ich allerdings habe, sind die Berichte von meinem Opa und von meinem Patenonkel. Opa erzählte immer von Riege. Als Kind hat er uns besonders häufig erzählt, dass er sich „bei Jaster“ wenn er konnte für einen Pfenning Brause gekauft hat. Mein Patenonkel erzählte auch von Jaster’s Gasthof, dort hielt der Bus, der von Schneidemühl nach Riege fuhr.

Was ich von dieser Familie weiß, sind vor allem die Anekdoten, die in der Familie erzählt wurden. Allen voran, dass August, der Vater, über 40 Jahre Bürgermeister von Riege war. Mein Patenonkel, der selbst in Schneidemühl geboren wurde und die Familie in Riege kennengelernt hatte, erzählte, dass August Schneidermeister war und dass in seinem Haus zwei große Schränke standen – einer für die Schneiderei, einer für die Unterlagen, die er als Bürgermeister brauchte.

Von Wilhelmine weiß ich bedauerlich wenig! Nur ihren Geburtsnamen, den ich nur aus dem Wehrpass meines Opas kenne. (Dort wurde Wilhelmines Tod nachträglich eingetragen.) Aber wie alt sie war und woher sie kam, keine Ahnung.

Was mit den anderen Geschwistern geschah, kann ich nur bruchstückhaft aus den Erzählungen von Opa und den Briefen und Karten, die es noch gibt, zusammenstückeln:

Die Schwester von meinem Opa, was mit ihnen geschah, ist für mich immer noch ein ziemliches Geheimnis. Es interessiert mich aber sehr! Noch am besten kann ich Tonis Leben nachvollziehen. Sie ist das Mädchen, dass im Bild so kokett in die Kamera blickt. Toni und mein Opa waren sich von den Geschwistern am nächsten und waren sehr eng miteinander. Toni verkuppelte meinen Opa mit meiner Oma. Wenn ich die Erzählungen aus der Familie mit den Karten und Briefen zusammenstückel, dann hat Toni später den Witwer ihrer Schwester Klara geheiratet. Aber auch hier weiß ich nichts weiteres, was wirklich schade ist. Toni war eine lebhafte und einfach nette Frau. Kontakt zu der Familie hatte ich nie, jetzt natürlich auch nicht.

Was mit den Söhnen passiert ist, ist auch schwierig zusammenzustellen. Ich weiß, dass wir in meiner Kindheit mit Verwandten Kontakt hatten, die auch Klatt hießen, also der Familie eines der Söhne.

Es ist die Tragik der Familienforschung. Ich hatte ja schon relativ früh angefangen (als ich noch ein Teenager war) und doch habe ich mich schnell auf die Familie meines Vaters konzentriert, einfach weil ich dort an Resultate kam. Als ich richtig mit der Suche anfing, waren quasi alle Klatts nicht mehr am Leben. Meine Mutter, die als geborene Klatt die Leute kannte, machte mir auch wenig Hoffnung noch etwas herausfinden zu können. Und so hatte ich immer die Familie meiner Mutter „ad acta“ gelegt.

Hmm, was kann ich also tun? Nun, ich weiß, dass mein Großvater in Riege geboren wurde. Er erzählte viel über Riege, von den Orten in Riege, davon, dass er als Erwachsener von Riege nach Schneidemühl gegangen ist, wo er dann geheiratet hat. Ich gehe davon aus, dass sein Vater August der Bürgermeister des Ortes war, in dem er auch lebte, also von Riege. (Und natürlich hat Opa auch immer gesagt, er war der Bürgermeister von Riege.) Opa hat von dem großen Bauernhof Adolphi in Arnsmühl erzählt, bei dem er als junger Erwachsener gearbeitet hat.

Und daraus kann ich nur folgern, dass die Familie jahrzehntelang in Riege lebte. August als Bürgermeister, Wilhelmine als kränkelnde Familienmutter, die dann auch früh starb. Die Kinder, die es nach 1945 in die Welt zerstreute … all diese Kinder nahmen ihren Lebensanfang in diesem Dorf. Gingen in die rote Backsteinkirche, gingen zur Schule in dem roten Backsteinhaus. Die Kinder werden zu hause in Riege gearbeitet haben bis sie selbst eine Arbeit in den Dörfern und Städten in der Umgebung fanden. Wilhelmine starb 1935 und wird auf dem Friedhof beerdigt worden sein, der zur Kirchengemeinde gehörte. Entweder lag dieser in Riege oder in Rose bei der übergeordneten Kirche. August wurde Ende Januar 1945 von Russen erschossen. Ich kann nur hoffen, dass er ordentlich beerdigt wurde.

Wenn ich das nun mit den Daten zusammenbringen, die ich im vorherigen Post gesammelt habe – ich weiß wie die Kirche aussieht, selbst wenn ich nicht weiß wie sie in deutscher Zeit genannt wurde. Von Fotos kenne ich die Außenansicht des einfaches Schulbaues, welches alle Kinder besucht haben werden. Ich weiß sogar wie Jaster’s Gasthof aussah, wo sich das Dorf versammelte, wo der Bus hielt, wo man kleine Einkäufe machte und wo man Telefonanrufe machen konnte. August war der Gemeindevorsteher, der von einem Gemeinderat gewählt wurde, jeweils auf sechs Jahre. Offensichtlich waren die Dorfbewohner mit seiner Arbeit zufrieden, denn anscheinend wurde er mehrfach wiedergewählt. Der Gemeindevorsteher/Bürgermeister hatte keine eigene Amtsstube (dies auch auf den Websiten erwähnt, die ich in Teil 1 angeführt habe), sondern erledigte seine Amtsgeschäfte in seiner eigenen Stube. Dafür hatte er einen eigenen Schrank aufgestellt, direkt neben dem Schrank in dem er die Utensilien hatte, die ihm seinen Lebensunterhalt sicherten. Mobil waren die Klatts nur begrenzt. Mein Opa erzählte davon, dass die Familie zwar ein Fahrrad hatte, dieses sich aber alle teilen mussten. Er selbst lief jeden Morgen zu Fuß (!) in den Nachbarort Arnsmühl (der verwaltungstechnisch zu Riege gehörte) um dort bei Bauer Adolphi zu arbeiten. Sein Lohn wurde teilweise in Naturalien ausgezahlt, diese teilte er mit seiner Familie. In Riege selbst gab es wenig zu tun, keinen großen Betrieb. Die Familien bearbeiteten ihre eigenen Acker, die Kinder gingen nach und nach in andere Städte.

Ich weiß so wenig über die Klatts und doch so viel. Ich hoffe, ich werde noch mehr erfahren.

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