Kleine Details der großen Geschichte

Die kleinen und großen Geschichten, die Verwandte oder Freunde erzählen, machen nicht nur einen wichtigen Ausgangspunkt aus, sie sind auch das, was die Genealogie plötzlich lebend macht. Anders formuliert – die persönlichen Erinnerungen sind wichtige Elemente der Sozialgeschichte.

Ein Beispiel: In meiner Kindheit gingen wir als Familie nach der Sonntagsvormittagsmesse spazieren. Damals bestand unsere Familie aus meinen Eltern, meinem Bruder, mir und meinem Großvater Albin. Damals trug man Großvater ganz selbstverständlich nicht nur Anzug – die Sonntagskleidung halt – sondern auch einen Hut. Das war absolut üblich. Wir trafen viele Familien bei diesen Spaziergängen. Auch bei ihnen trugen die Älteren Anzug bzw. schickes Kleid und die Herren stets mit Hut.

Heute kann ich mich kaum daran erinnern bei einer „normalen“ Sonntagsmesse jemanden im Anzug gesehen zu haben. Selbst zu großen Festen kann ich mich nicht daran erinnern in jüngster Vergangenheit Männer mit Hut gesehen zu haben.

Während dieser meist einstündigen Spaziergänge gingen wir an Feldern vorbei oder wir spazierten durch den Forstwald in Krefeld.

Mein Opa sprach immer sehr wenig. Er war ein ganz ruhiger Mann. Es lag auch daran, dass er seit dem 2.Weltkrieg schwerhörig war und dementsprechend nur schwer einer Unterhaltung folgen konnte. Wenn er etwas erzählte, dann häufig aus seiner Zeit in Pommern.

Einmal kamen wir an einem Weizenfeld vorbei. Die Pflanzen waren schon gelb, Opa trat ins Feld hinein und pflückte eine Gerbe und erklärte, woran man sah, dass es zwar ein gutes Korn war, es allerdings noch mehr Sonne brauchen würde. Er nahm dann seinen Hut und ließ ihm über die Ähren segeln. Als der Hut auf die Ähren niedersegelte, sank der Hut direkt zwischen den Stengeln auf den Boden. „Daran sieht man es! Wenn der Weizen erntebereit wäre, wann würde mein Hut jetzt noch oben auf den Ähren liegen.“

Ich glaube nicht, dass mein Opa mir jemals gesagt hat, dass er auf einem Bauernhof aufgewachsen ist oder dass er lange Jahre auf dem Familienhof und anderen gearbeitet hat. Dennoch wußte ich es durch diese kleine Anekdoten.

Sie schlachteten auch selbst! Als wir eines Tages von unseren Lieblingsgerichteten erzählten, sagte Opa, dass allerschönste und leckerste (so viele Superlative war extrem für ihn) was er sich vorstellen kann, ist frisches noch warmes Hirn zu essen. Als Kind hat mich das natürlich entsetzt. Aber wie er es auch damals dann erzählte – frisches, noch warmes Hirn war ein ganz normales Leckerchen, welches alle, die selbst schlachteten gerne aßen.

Die Spazierwege durch den Forstwald folgen zum großen Teil einem Hügel-Graben-System. Ich dachte meine ganze Kindheit und Jugend lang, es wären Panzergräben. Opa erzählte nämlich, dass er in Schneidemühl südlich und östlich der Stadt gegen die Angriffe der Russen und Polen „ab dem letzten Sommer“ Panzergräben mit Spaten und Schaufel ausheben musste.

Heute weiß ich, dass die Gräben im Forstwald ein denkmalgeschützter Landwehr ist, der die Grenze zu kurkölnischem Gebiet anzeigte. Entstanden nicht im Sommer 1944, sondern bereits um 1370.

Man erkennt nur, was man kennt.

Für Opa waren die Gräben und Aufschüttungen im Forstwald, der sich an der südlichen Stadtgrenze von Krefeld befindet, natürlich Panzergräben.

Die kleinen Details der großen Geschichte machen erst die Vergangenheit lebendig.

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