Elisabeth Dahlke, Kommunionsfoto

Anläßlich des heutigen Muttertages dachte ich, dass ich eine Mutter in meinem mütterlichen Familienstrang vorstelle. Erst dachte ich an meine Großmutter mütterlicherseits, entschied mich dann aber für meine Urgroßmutter mütterlicherseits – Elisabeth Dahlke.

ImageElisabeth musste 1945 aus Schneidemühl fliehen, daher habe ich keine Original-Unterlagen aus dieser Zeit. Aber es gibt einige Dokumente, die nach dem Krieg ausgestellt wurden und die sehr vertrauenswürdig sind. Daher weiß ich sicher, dass Elisabeth 1874 in Schneidemühl geboren wurde. Elisabeth war wie ihre ganze Familie sehr katholisch. Und wie man an diesem Foto sieht, empfing sie natürlich die heilige Erstkommunion. Es ist etwas schwierig das Foto zu datieren. Zunächst ging ich davon aus, dass Elisabeth bei ihrer Erstkommunion – so wie es heute üblich ist – etwa neun Jahre alt gewesen sein müsste. Allerdings habe ich eben etwas recherchiert und mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass seit der frühen Neuzeit ein Alter von zwölf Jahren für die Erstkommunion üblich war. Gegen Ende des 19. Jh. verlagerte sich das Kommunionsalter und die Kinder konnten bereits als Sechs- oder Siebenjährige das erste Mal die Kommunion empfangen. (Zeigt mal wieder wie vorsichtig man sein muss bei solchen „Kleinigkeiten“ die heutigen Verhältnisse auf frühere Zeiten zu übertragen.) Das Kleid weiß ich nicht zu datieren. Wer er eine Datierung dafür vorschlagen möchte, möge es mir bitte in die Kommentare setzen.🙂

Wie auf dem Karton sichtbar eingeprägt ist, war der Fotograf T.Graszynski aus Schneidemühl.

Weitere Daten aus ihrer Zeit in Schneidemühl sind mir nicht konkret bekannt, nur Vermutungen. Irgendwann heiratete Elisabeth Emil Spickermann, von dem ich tragischerweise überhaupt keine Lebensdaten vorliegen habe! Er verstarb „früh“ und Elisabeth musste ihre vielen Kinder – mindestens acht lebten bis ins Erwachsenenalter – alleine durchbringen.

Ich kenne viele Anekdoten über Elisabeth, die immer wieder bei Familientreffen erzählt wurden. Wie herzlich sie war. Dass sie eifrigst und ausgibig für ihre Familie betete. Für ihre Vorliebe abends einen „kleinen Schnaps“ zu kippen. Auch wie hart ihr Leben war, welche schweren Lebensumstände sie hatte durch den Verlust ihres Ehemannes.

Ein paar wenige Details aus ihrer Zeit in Schneidemühl sind mir noch bekannt – aus Adressbüchern. Eine spannende Quelle, die gerne übersehen wird.

Im Adressbuch von Schneidemühl 1934 ist sie als „Elisabeth Spickermann Wirtschafterin“ mit wohnhaft in der Feldstr. 14 gelistet. Im gleichen Haus leben ihre Kinder Bruno, Leo und Anna.

Im Adressbuch von Schneidemühl von 1938 ist sie als „Elisabeth Spickermann Witwe“ mit wohnhaft in der Königsblicker Str. 28 gelistet. Ebenfalls in diesem Haus – und aus Familienerzählungen weiß ich, dass die zwei in der gleichen Wohnung lebten – ist ihre Tochter Anna gelistet. Elisabeth und Anna lebten in dieser Wohnung bis zu ihrer Flucht aus Schneidemühl.

Gerne würde ich für Emil zumindest ein Todesjahr schätzen können … durch die Unterscheidung von „Wirtschafterin“ (1934) und „Witwe“ (1938). Aber das ist mir einfach viel zu gefährlich und hat nichts mit Fakten zu tun. Auch ist Emil im Adressbuch von 1934 nicht aufgeführt. (Natürlich könnte er woanders gelebt haben, aber ich gehe davon aus, er war bereits 1934 tot.)

Anna, Elisabeths jüngste Tochter (geboren 1912), flüchtete gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Sohn Herbert im Januar 1945 mit dem letzten „berühmten“ „Mutter-und-Kind-Zug“ aus Schneidemühl unter absolut katastrophalen und dramatischen Umständen, von denen sich Anna ihr Leben lang nicht mehr seelisch erholen konnte. Auf dieser Flucht starb der kleine Herbert. (Über ihn werde ich sicherlich noch posten.)

Elisabeth und Anna flüchteten von Schneidemühl zunächst nach Berlin. Von dort schlugen sie sich zu Elisabeths Schwester Antonia („Tante Toni“) durch, die in Eggersdorf/Petershagen ein kleines Haus hatten. Dort verbrachten sie in bitterster Kälte einige Zeit provisorisch auf der Veranda um dann, von den Behörden angewiesen, wieder in das komplett zerbombte Schneidemühl (Schneidemühl wurde zur Festung) zurückzukehren, welches bereits unter polnischer „Verwaltung“ stand. Aber auch hier waren sie ungewollt und sie wurden wieder Richtung Westen geschickt. Sie kamen auf das Gebiet der späteren DDR. Aus diesem russischen Verwaltungsgebiet flüchteten sie über die grüne Grenze. Schlußendlich landeten sie im Flüchtlingslager in Handorf, wo 1949 meine Mutter zur Welt kam.

Als Annas Ehemann Albin Arbeit bei Zangs in Krefeld fand, siedelten sich Albin, Anna und Elisabeth gemeinsam mit „Tante Hertha“ (auch eine Flüchtlingsfrau) nach Krefeld.

Hier verbrachte Elisabeth ihre letzten Jahre. Bis zu ihrem Tod 1965 in ihrem eigenen Bett in Krefeld, machte sie viele Pilgerreisen nach Kevelaer. Sie besuchte noch im Sommer 1964 die „Ostzone“ um noch einmal ihre Schwester Toni zu treffen. Auch nahm sie an vielen Treffen der Schneidemühler teil. „Oma Spickermann“ wurde vier Tage später auf dem Krefelder Hauptfriedhof beigesetzt unter reger Teilnahme. (Ihr Grab ist mittlerweile aufgehoben.)

Obwohl ich relativ viel über meine Urgroßmutter weiß, gibt es doch – wie man hier schön sehen kann – ganz erhebliche Lücken. Ich kann jedem nur empfehlen auch für jede Person eine eigene (digitale oder Papp-) Karteikarte mit chronologischem Lebenslauf anzulegen. Dadurch wurde mir viel in der bewegten Vita von Elisabeth klar. Auch viele Fragen, die ich habe und versuche zu beantworten, kommen so ganz von selbst zu Tage. Aber davon ein anderes Mal.

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