Sebastian der Trödler und die industrielle Revolution – Sebastian Eckert (1811-1878)

Am Beginn der Covid 19 Pandemie muss ich feststellen, daß ich meine geplanten Archivbesuche wohl erstmal zeitlich verschiebe. Einige Personen habe ich extra für solche Recherche-Reisen vorbereitet, damit ich gezielt mehr herausfinden kann. Da die Recherche erstmal ausgebremst ist, will ich einfach vorstellen, was ich bisher  zusammen getragen habe. Ich bin mir bewußt, daß ich dunkle Stellen habe und einiges fehlt. Allerdings was ich bereits gefunden habe ist dennoch spannend. Nachträge kann ich immer noch publik machen.

Mein Altgroßvater (Urgroßvater in 3. Generation) Sebastian Eckert wurde am Montag den 11. März 1811 in Flörsheim am Main geboren. Sein Leben ist ab seiner frühsten Kindheit von dramatischen Veränderungen geprägt, wie sie keine Generation vorher erlebt hat.

Seine Eltern sind der Zimmermann Peter Eckert, 34 Jahre und dessen Ehefrau Barbara Klepper, 27 Jahre. Sebastian hat ältere Geschwister: Bruder Lorenz ist 4 Jahre alt (wird wenig später 5 Jahre) und Schwester Anna Maria ist 2 Jahre (wird im Mai 3). Vor seiner Geburt wurden mindestens zwei Geschwister geboren, die aber bereits vor Sebastians Geburt verstarben. Die Familie ist katholisch und Sebastian, der vermutlich nach seinem mütterlichen Großvater Sebastian Klepper benannt wurde, wird in der St. Gallus Pfarre in Flörsheim katholisch getauft.

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St. Gallus in Flörsheim am Main, Foto Quelle: Wiki Media Commons – klick

1813 kommt Schwester Margaretha dazu. 1816 Schwester Elisabetha.

Ich frage mich natürlich ob sich hier noch mehr Kinder von Peter und Barbara verbergen. Allerdings ist Peter mit Mitte dreißig noch im wehrfähigen Alter. Und Hessen nimmt an den napoleonischen Kriegen teil. Somit wäre Peter vor Sebastians Geburt und danach immer wieder fort aus Flörsheim.

Erst ab 1819 kommen in kürzeren Abständen Kinder neu in die Familie. (Das kann aber wie bereits erwähnt, auch daran liegen, daß ich einige Kinder noch nicht gefunden habe.)

1819 Bruder Nikolaus, 1821 Schwester Katharina, 1824 Bruder Peter. Die Eltern gingen vermutlich vom letzten Kind aus? Zumindest habe ich immer das Gefühl, daß das erste oder vermutete letzte Kind den Vornamen eines der Elternteile erhält. Vater Peter ist zu diesem Zeitpunkt 48, Barbara 40.

Vielleicht überraschend kam drei Jahre später Nachzüglerin Magdalena im März 1827 zur Welt. Da waren die Eltern Peter 51 und Barbara 43 Jahre alt. Lorenz, der älteste lebende Sohn war bereits 21 Jahre alt. Sebastian war gerade 16.

Aber machen wir nochmal einen Schritt zeitlich zurück!

Zimmermann Peter ist vermutlich ab und an als Soldat aus Flörsheim weg. Die kleine Familie besteht aus Mutter Barbara mit den Söhnen Lorenz und Sebastian und den Töchter Anna Maria, Margaretha und Elisabetha.

Bereits 1815 erleben die Eckerts etwas, was ihr alltägliches Leben dramatisch langfristig verändert – ab dem Frühjahr und Sommer wird das Wetter schlecht mit extremer Kälte und vielen Niederschlägen. Was die Menschen in Flörsheim eventuell aus der Zeitung erfahren haben könnten ist, daß auf der anderen Seite des Planeten ein Vulkan ausgebrochen ist – der Tambora. Wissen die Flörsheimer warum das Wetter plötzlich langfristig so dramatisch schlecht ist? Nein. Der wissenschaftliche Zusammenhang zwischen dem Vulkan-Ausbruch von Tambora und dem weltweiten folgenden Wetterereignissen konnte erst 1920 ein Amerikaner machen. Für die Familie Eckert in Flörsheim muß all das unerklärlich und beängstigend gewesen sein.

Was war passiert? Vom 5. April bis zum 15. April 1815 war der Vulkan Tambora in Indonesien ausgebrochen. Bei diesem Ausbruch handelte es sich um eine der größten Vulkanausbrüche überhaupt! Auf dem Vulkanexplosivitätsindex der von 0 bis 8 skaliert ist (allerdings im Grunde nach oben offen ist), hatte der Ausbruch des Tambora von 1815 den Wert 7! Auf dem Index werden die Explosionen nach der Menge des ausgeworfenen Materials eingeordnet. (Dies sehr verkürzt formuliert.) Insgesamt wurden über 140 Milliarden (!) Tonnen Material ausgeworfen. Asche kam in einem Umkreis von 1.600 km nieder, im Umkreis von 600 km verdunkelte sich der Himmel für zwei volle Tage. Der britische Militär Sir Thomas Raffles befand sich über 2.000 km entfernt vom Vulkan in Sumatra, hörte die Explosionsgeräusche vom Abend und der Nacht des 10. April 1815 und hielt sie zunächst für Kanonenschüsse. Die Katastrophe kostete in Indonesien als direkte Folge des Ausbruchs mindestens 71.000 Menschen das Leben. Zusätzlich löste der Ausbruch weitere Folgekatastrophen mit Tsunamis und Erdbewegungen aus. Nach dem Ende des aktiven Ausbruchs kam für die betroffene Bevölkerung das nächste Elend – verlorene Ernten bedeuteten Hungersnöte und Krankenheiten.

Im Frühling und Sommer 1815 war die kleine Familie in Flörsheim sicherlich noch ahnungslos, was sich da zusammenbraut. Sebastian mit seinen vier Jahre sowieso viel zu jung um zu verstehen, was das bedeutet. Erleben konnten die Eckerts nur, daß das Wetter die Ernte 1815 kaputt machte.

Die Aschepartikel des Vulkanausbruchs wanderten langsam durch die Erdatmosphäre. Es folgte 1816 das Jahr ohne Sommer . Im Volksmund „Achtzehnhundertunderfroren“ genannt, trifft das Naturereignis auf eine Bevölkerung, die nach den Kriegen der vergangenen Jahre bereits stark geschwächt war. Die Folgen sind dramatisch und lösen eine Massenemigrationswelle aus Mitteleuropa in Richtung Nordamerika und Russland und Bessarabien aus. (Skandinavien und Russland waren von dem Wetterphänomen weitaus weniger betroffen.)

Im Frühjahr 1816 muß es für die Bevölkerung ein großer Schock gewesen sein, daß nach dem Katastrophenjahr 1815, daß Wetter nicht wärmer wurde! Es blieb bitterkalt und die Pflanzen konnten sich ohne Sonnenschein kaum oder gar nicht entwickeln. 1816 ist immer noch das kälteste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen! Zusätzlich traten die Flüße über die Ufer, es kam im Sommer zu Schnee-Gewittern und Überflutungen durch Niederschläge. Das bißchen Erntegut, was sich ausbilden konnte, wurde durch Hagelschlag schwer beschädigt. Auch 1816 sollte es kaum Ernteerträge geben.

Das Licht veränderte sich – die Welt sah plötzlich tatsächlich ganz anders aus: wenn die Sonne aufstieg oder unterging, waren dramatische Farbspiele sichtbar, wie sie vorher und nachher unbekannt waren. Zeitzeugen dessen sind die Maler William Turner und Caspar David Friedrich .

Der Volksglaube verstärkte sich. Ebenfalls kam es zu politischen Unruhen und Aufständen denn die Bevölkerung hungerte! Es wurden Märkte, Bäckereien und Mühlen überfallen und ausgeraubt. Landesherren versuchten verzweifelt zu extrem hohen Kosten Lebensmittel aus den weniger betroffenen Gebieten zu kaufen (Skandinavien und Russland). Diese Lebensmitteltransporte wurden getarnt und häufig nachts getätigt, damit diese nicht ausgeraubt wurden. Ganze Dörfer wurden fast ausschließlich durch die öffentlichen Armenspeisungen ernährt. Große Teile der Bevölkerung begann bettelnd durch die Lande und in die Städte zu ziehen. Antisemitismus machte sich wieder breit, denn irgendwer mußte es ja schuld sein …

Es gab weitere Folgen des Ausbruchs – die Schlacht von Waterloo fiel ins Wasser und Napoleon unterlag, was ein Ende seiner langjährigen Kriegszüge bedeutete. Zumindest Friede! Andernorts reisten einige reiche Engländer im Mai 1816 nach Europa, mußten dann aber ein anderes Quartier außerhalb der Städte beziehen, da es dort aufgrund des Hungers zu dramatischen Szenen kam. Das Quartier wurde idyllisch am Genfer See bezogen und die Engländer vergnügten sich damit sich gegenseitig Schreckgeschichten zu erzählen. Eine der Reisenden ist Mary Shelley, die dort den Roman Frankenstein schreibt. In Indonesien kämpft man noch lange mit den direkten Folgen des Tambora-Ausbruchs. Der Hunger herrscht auch dort und ist der Ausgangspunkt der Cholera-Pandemie von 1817.

Wahrlich bekommt man da ein Gefühl für das Weltenende. Wie geht die Familie Eckert damit um? Wird Zimmermann Peter neue Aufträge bekommen wenn alle anderen um ihn herum kein Geld mehr fürs Essen haben? Wohl kaum. Vermutlich wird die Familie eine kleine Landwirtschaft für den Eigenbedarf haben aber auch hier wird es schnell dramatisch – das Kleinvieh muß mit Futter versorgt werden, welches man selber essen muß weil es nichts anderes gibt. Das Vieh läßt sich einmal notschlachten, danach wird es bitter denn eine neue Ernte kann kaum eingeholt werden.

Im Sommer 1817 wird der kleine Sebastian eingeschult. Die Wetter-Situation ist weiterhin dramatisch schlecht wenn auch nicht mehr so katastrophal wie im Vorjahr. In die Schule gehen ebenfalls sein Bruder Lorenz (11) und seine Schwester Anna Maria (9). Alle drei besuchen die Alte Kirchschule direkt bei St. Gallus in der Kirchgasse 1.

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Die Alte Kirchschule in Flörsheim am Main, Kirchgasse 1. Im Gebäude finden heute standesamtliche Trauungen statt. Foto Quelle: Wiki Media Commons – klick

In welcher Verfassung sind die drei Kinder nach zwei Jahren Hunger? Kann man da überhaupt vernünftig was lernen? Was Sebastian und seinen Geschwistern jetzt und in den kommenden Jahren auffallen wird, ist daß Mitschüler aus der Klasse verschwinden. Viele Familien emigrieren. Andere Kinder sterben ausgezerrt vom Hunger und von Krankheiten weggerafft. Vielleicht lässt sich auch so erklären warum Sebastian erst 1819 ein weiteres Geschwisterkind kriegt – Mutter Barbara hungert auch und wird gar nicht in der Lage sein schwanger zu werden.

Am 29. Juni 1820 stirbt Sebastians 12jährige Schwester Schwester Anna Maria. Sebastian ist 9 und geht ab dem Sommer in die 3. Klasse.  Bruder Lorenz wird 14 und damit endet auch seine achtjährige Schulpflicht. Ob er weiter zur Schule geht, weiß ich nicht. Schwester Margaretha wird eingeschult. Elisabetha und Nikolaus sind noch nicht alt genug für Schulunterricht.

Knapp ein Jahr nach dem Tod der ältesten Tochter wird Katharina am 9. Juli 1821 in Flörsheim geboren. Sebastian ist zehn Jahre alt und vermutlich das älteste Kind der Familie, welches noch die Schule besucht. Bruder Lorenz wird später als Siebmacher und als Zimmermann arbeiten. Vermutlich wird Lorenz mittlerweile in einer anderen Stadt eine Lehre begonnen haben.

Am 28. Mai 1823 stirbt dann der 4jährige Nikolaus in Flörsheim. Er wurde in die Hungerjahre geboren und jetzt kann man natürlich spekulieren ob der Junge je eine gute Konstitution hatte.

Im Jahr 1825 endet für Sebastian seine Schulpflicht. Damals mußte er acht Pflichtjahre absolvieren, eine weitere Schulbildung war möglich, allerdings meist nicht am Heimatort. Im Jahr, in dem die Schulpflicht endete, wurden damals für gewöhnlich die Jugendlichen gefirmt oder konfirmiert. Dies geschah aus dem praktischen Grund, da nach der Schule, die Jugendlichen eine Ausbildung begannen. Nur in den seltensten Fällen wurde diese Ausbildung im Heimatort absolviert. Bei fast allen Ausbildungen war von der jeweiligen Innung sogar vorgeschrieben, daß der Lehrling oder Geselle auf die Walz gehen mußte. (Wir kennen das heute nur noch auf freiwilliger Basis bei einigen wenigen Handwerksberufen.) Ich gehe also davon aus, daß Sebastian in diesem Jahr mit seinen gleichaltrigen Freunden in der Pfarrre auf die Firmung vorbereitet wurde, diese empfing und danach ggfs. eine Ausbildung außerhalb von Flörsheim antrat. So diese Freunde sich nicht schon auf den Weg der Emigration gemacht hatten.

Aber trat er wirklich eine Ausbildung an?

Am 1. Dezember 1829 starb sein kleiner Bruder Peter. Er wurde nur 5 Jahre und 8 Monate alt. Sebastian derweilen ist 18 Jahre alt. Er war damit mündig aber bis zu seinem 21. Lebensjahr noch nicht volljährig. Wo er sich befand, was er tat, weiß ich leider gar nicht.

Das nächste Mal taucht Sebastian bei seiner (vermutlich) ersten Hochzeit auf. Am Samstag den 19. Mai 1838 heiratete Sebastian in Flörsheim die Witwe Anna Katharina Deubert, geborene Trott. Sebastian ist 27 Jahre alt, seine neue Frau Anna Katharina ist 37, wird bald 38 Jahre alt.

Anna Katharina habe ich nur ein wenig recherchiert. Sie hatte im November 1820 den Taglöhner und Lumpensammler Jakob Deubler in Flörsheim geheiratet. Die Braut war 20 Jahre alt, Jakob 23 Jahre alt. Anna Katharina hatte bereits einen Sohn Peter vor der Heirat mit Jakob. In der Ehe kommt 1821 Johann Deubert, 1831 Jakob Deubert und Paul Deubert im Januar 1835 dazu.

Jakob Deubert stirbt mit 38 Jahre in Flörsheim am 10 Sep 1836. Anna Katharina ist jetzt Witwe mit vier Söhnen: der fast 17jährige Peter Trott (der eventuell den Namen Deubert angenommen hat), der 14jährige Johann Deubert (der vier Tage nach dem Tod seines Vaters seinen 15. Geburtstag feiert), der 5jährige Jakob Deubert und der etwa 1,5jährige Paul Deubert. Während der älteste Sohn vermutlich irgendwo eine Lehre angefangen hat, könnte es auch sein, daß er sich als Tagelöhner verdingt. Johann Deubert ist gerade seiner Schulpflicht entwachsen. Somit muß sich die Witwe Anna Katharina um mindestens zwei kleine Kinder und eventuell auch noch um einen Jugendlichen kümmern. Vielleicht hilft der älteste Sohn mit die Familie zu finanzieren.

Das jüngste Kind Paul Deubert stirbt fast ein Jahr nach dem Todes seines Vaters am 9. August 1837 mit nur zweieinhalb Jahren. Somit ist Anna Katharina zur Zeit ihrer Hochzeit mit Sebastian vermutlich nur mit dem fast 7jährigen Jakob Deubert in einem Haushalt.

Womit finanziert sich Sebastian zu dieser Zeit? Er ist Tagelöhner und Leinreiter.

Leinreiten ist ein Beruf, der mit der industriellen Revolution komplett verschwand. Bevor es mit Maschinenkraft möglich war, Schiffe und Kähne auf Flüßen gegen den Strom fahren zu lassen, waren die Fuhrleute darauf angewiesen, daß sie auf den Strecken, bei denen sie sich nicht mit dem Fluß treiben lassen konnten, gezogen wurden. Gezogen wurden die Schiffe entweder durch Zugtiere oder durch Menschenkraft.

Das Prinzip des Treidelns war bereits in der römischen Antike verbreitet. Eine Leine wurde am Mast und an mindestens einen weiteren Punkt am Schiff befestigt. Die Leine wurde dann in ein Geschirr geführt, welches zum Flußufer reichte. Dort wurden die Zugtiere oder Menschen ins Geschirr gehängt. Es waren mehrere Begriffe für dieses Prinzip gebräuchlich: Treideln, Leinreiten, Trödeln, Schiffziehen und Halferei. Durch das gemächliche Tempo wurde das Treideln im Laufe der Jahre als gemütlich wahrgenommen. Somit kam es dann beim Wort Trödeln zur Sinnverschiebung vom verloren gegangenen Beruf zum im heutigen Gebrauch im Sinne von Zeit vergeuden.

So langsam ging es dabei gar nicht vor sich, wie man in diesem Video sieht bei dem ein historisches Treidelschiff „Elfriede“ mit zwei Pferden auf einem Main-Donau-Nebenkanal bewegt wird:

In Flörsheim wurden die Leinreiter von der Stadt eingesetzt. Hierzu weiß ich leider noch zu wenig. Denn gerade das würde mich jetzt schon im Detail interessieren. Denn was ich weiß ist, daß Sebastian in seiner Funktion als Leinreiter nur auf dem Gebiet die Leine zog, welches zu Flörsheim gehörte. Sprich kam er an die Bezirksgrenze, wurde die Leine von seinen Zugpferden abgenommen und am Geschirr der Zugpferde des nächsten Leinreiters im angrenzenden Bezirk befestigt. Sebastian drehte mit seinem Pferd oder Pferden um und wartete auf das nächste Schiff welches er ziehen sollte.

Das alles klingt schon weniger trödelig. Hinzu kommt, daß der Main im Jahr nur einige Monate schiffbar war. Im Winter fror der Main alle paar Jahre komplett zu. Im Frühling konnte es eigentlich wieder losgehen, allerdings kam dann das Wasser der Schneeschmelze dazu, und damit zu regelmäßigen Überschwemmungen in den März, April hinein. Im Sommer wiederum konnte es vorkommen, daß der Main zu wenig Wasser führte um Schiffe und Kähne transportieren zu können.

In all den Zeiten, in denen Sebastian nicht als Leinreiter arbeiten konnte, arbeitete er als Taglöhner.

Sebastian der Trödler hatte vermutlich während der Tageslichtstunden in den Monaten, in denen die Schifffahrt auf dem Main möglich war, richtig viel zu tun. Interessant wäre es für mich zu wissen, ob es dazu eine oder mehrere Publikationen gibt wo der Verkehr im 19. Jahrhundert auf dem Main in Höhe Flörsheim dokumentiert ist. Aus der Recherche zur Flußschifferei weiß ich, daß wir uns die Flußschifferei als viel zu ruhig und vereinsamt vorstellen. Die Flüße waren bereits in der Antike die Autobahnen der Wirtschaft und des Militärs. Das wird sich in der Neuzeit in Hessen eher verstärkt haben.

Es gibt eine historische Ansicht von Flörsheim – ein Kupferstich aus 1750:

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Kupferstich von Flörsheim am Main aus 1750 von einem unbekannten Künstler. Quelle: Lagis (welches ich jedem dringend empfehle – kostenfreie Anmeldung und eine Schatzkiste an Informationen) Gut sichtbar in der Bildmitte ist ein Leinreiter abgebildet.

Sebastian war achtzig bis neunzig Jahre später als Leinreiter tätig, dennoch ist der Kupferstich natürlich sehr interessant. Gut sichtbar in der Bildmitte ist der Leinreiter, der mit einer Hand mit einer Peitsche die Pferde antreibt. Er sitzt im sog. Damensitz, damit er sofort abspringen kann falls sich das Schiff, welches die Pferde ziehen, irgendwie im Fluß verhakt hat. Nicht sichtbar ist ein Messer, welches der Leinreiter stets griffbereit hält um im Notfall die Leine abzuschneiden, damit die Pferde nicht in den Fluß gezogen werden, sollte etwas im wahrsten Sinne schief laufen. Im Bildvordergrund ist der Leinpfad gut sichtbar. Dort bewegt sich nicht nur der Leinreiter mit seinen Arbeitspferden sondern in der Regel auch weitere Leute, die sich über diese Pfade ganz normal zwischen den Ortschaften bewegt haben. Was mich etwas stört ist, daß hier ein kleiner Fehler drin ist: Es wäre unmöglich für den Leinreiter das Schiff zu ziehen, wenn die Leine ausschließlich am Mast befestigt wäre. Schlimmstenfalls würde sogar der Mast durch so eine Aktion beschädigt werden. Aber das ist natürlich Motzen auf sehr hohem Niveau – ich bin ganz begeistert, diesen Kupferstich zu sehen! Sebastians Arbeitsalltag wird in den Monaten, in denen das Leinreiten möglich war, genauso ausgesehen haben.

Auf dem Kupferstich nicht sichtbar aber auch essentiell wichtig für die Arbeit sind die Treidelstationen. Diese befanden sich in regelmäßigen Abständen entlang der Flüße. Hier wurden die Pferde untergebracht und es gab zumeist ein angeschlossenes Gasthaus indem die Fuhrleute und die Treidelleute von außerhalb untergebracht wurden. (Das ist auch ein Aspekt über den ich gerne mehr erfahren würde – einige Schiffe hatten ihre eigenen Treidelleute. Mußte in solchen Situationen ein Entgelt an die jeweilige Stadt abgeführt werden, wenn der städtische Trödler nicht genutzt wurde?)

Ab wann und wie lange Sebastian als Leinreiter in Flörsheim arbeitete, würde mich auch sehr interessieren. Der Kupferstich gibt einen ersten Eindruck, wie es für ihn gewesen sein wird. In den Monaten, in denen der Main schiffbar war, gab es sogar einen gewissen Fahrplan. Seit 1816 hatte die Stadt Flörsheim einen eigenen Schiffsverkehr eingerichtet. Es wurde ein Marktschiff angeschafft welches von der Bevölkerung „Flörsheimer Yacht“ genannt wurde. 52 Jahre lang war dieser Linienverkehr eingerichtet und erst 1868 eingestellt. Dieses Prinzip besteht im Grunde bis heute in der Logistik – eine Fahrzeug wird auf dem Markt angeboten, es wird ein Abfahrtspunkt genannt und ein Empfangsort mit festen Fahrtzeiten. Jedem steht offen seine Waren transportgerecht verpackt gegen Entgelt auf das Schiff zu bringen um es zu transportieren. Für gewöhnlich steht jedem offen ein Schiff oder Kahn bei einem Fuhrwerker zu mieten. Da ist man dann aber abhängig davon, daß der Schiffer tatsächlich den Ort ansteuert, der der Empfangsort der eigenen Ware ist. Auch muß man hoffen, daß auf dem Kahn genug Platz vorhanden ist wenn ich ihn benötige. Dadurch, daß die Stadt Flörsheim ein eigenes Marktschiff eingerichtet hat, mit regelmäßigem Fahrplan in die Städte Mainz und Frankfurt mit kalkulierbaren Kosten, ist den Flörsheimern ein großartiger Vorteil geschaffen worden.

Flörsheim war offensichtlich auch stolz auf ihr Marktschiff – es fand sogar seinen Weg auf das Stadtwappen!

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Das Wappen der Stadt Flörsheim am Main, Quelle: Wiki Media Commons – klick

Tja. So sehr hier der Stolz der Flörsheimer spricht, das abgebildete Schiff kann unmöglich zur Flußschifffahrt genutzt wurden sein. Ein Flußschiff oder Kahn hat einen möglichst flachen Boden um möglichst bei allen Wasserständen mobil sein zu können. Aber es sieht natürlich chic aus, das muß man den Wappenmachern lassen. Auf dem voll aufgeplusterten Segel das „FFF“ der Flörsheimer Fayence Fabrik, das Wasser wild unterm Kiel, hinten flattert die Fahne mit dem Siegel des Mainzer Domkapitels. Naja. Es sieht toll aus. (Es ist auch erst 1951 entstanden als das Flörsheimer Marktschiff schon viele Jahrzehnte nicht mehr in Funktion war.)

So weit so gut. Sebastian ist frisch verheiratet mit seiner Anna Katharina. Lebt mit mindestens dem Sohn aus der ersten Ehe von Anna Katharina, Jakob Deubert, in Flörsheim. In den Sommermonaten arbeitet er als Leinreiter. In den Wintermonaten wird er sich als Tagelöhner durchschlagen.

Frage bleibt für mich – wie kam er zu dem Beruf? Ist das ein Ausbildungsberuf im 19. Jahrhundert? Da ich selbst Speditionskauffrau bin (obwohl jetzt Studentin), interessiert mich das Transportwesen natürlich enorm. Ich könnte mir durchaus vorstellen, daß er als Fuhrwerker sehr viel mehr Fachwissen zusammenbringen mußte als man es sich als Laie vorstellt. Wie kommt er ins Transportwesen? Ich kann nur raten … die Familie von Sebastians Mutter Barbara, die Kleppers, haben allerhand Fischer und Schiffer vorzuweisen. Als Sebastian nach seiner Schulpflicht also überlegte, was fang ich an, mach ich mehr Schule oder geh ich arbeiten und wenn arbeiten als was? Dann würde sich natürlich anbieten ins Gewerbe seines Vaters einzutreten oder falls ihm das nichts gibt, in einen Beruf zu schauen, welches andere Familienmitglieder ausüben. Sebastians älterer Bruder Lorenz wird zunächst Siebmacher und dann wie der Vater Peter Zimmermann. Sebastian wird Fuhrwerker, wie vermutlich die Verwandten seiner Mutter.

Interessant ist auch die Frage, wie es dazu kam, daß er die fast elf Jahre ältere Witwe heiratet. Die beiden werden keine gemeinsamen Kinder haben. Und Anna Katharina nach sechs Jahren Ehe mit Sebastian am 27. Juni 1844 in Flörsheim sterben. Jakob Deubert, der Sohn aus Anna Katharinas erster Ehe, wird wenige Tage vor seinem 13. Geburtstag zur Vollwaise. Was geschieht mit Jakob? Bleibt er bei Sebastian, geht er zu Familienmitgliedern aus Anna Katharinas Familie? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß er mit nur 25 Jahren, ledig, in Mainz als Bürstenmacher stirbt. Über ihn, denke ich, werde ich einen eigenen Blogeintrag machen.

Anna Katharinas Tod fällt in eine Zeit, die für Sebastian sowieso schon aufwühlend sein dürfte … im Jahr 1839 wird die Taunus-Eisenbahn eingerichtet. Die industrielle Revolution hat Hessen erreicht! Die Loks werden aus England importiert, die ersten Lokführer, die auf der Strecke fahren sind Briten. Wie fremdartig das alles gewirkt haben muß!

Die Eisenbahn macht direkt ab Start die Fuhrwerker-Preise kaputt. Denn auf Schienen kann regelmäßig und zuverlässig für kleines Geld große Mengen an Waren transportiert werden. Die Mainschiffer und die Fuhrwerker auf den Straßen mit ihren Karren werden das sofort gespürt haben.

Wann genau Flörsheim an die Eisenbahnstrecke angeschlossen wurde, konnte ich nicht genau feststellen. Der Streckenabschnitt bis Mainz-Kastel wurde am 13. April 1840 eröffnet. Damit war Flörsheim definitiv als Bahnhof an der Strecke in Betrieb.

In Mainz-Kastel gab es dann auch von Fuhrwerkern und Schiffern nicht nur Proteste, die es scheinbar überall gab, denn all diese Leute verloren ihre Lebensgrundlage! Sondern es kam auch zu Sabotage! Beim sog. Nebeljungenstreich wurde die Strecke sabotiert und Gleise zerstört.

Sebastian heiratet erneut fast genau ein Jahr nach dem Tod von Anna Katharina am 22. Juni 1845 in Flörsheim. Seine neue Braut ist die ledige Anna Maria Wagner. Anna Maria ist 30 Jahre alt und ein bißchen schwanger … sie wird einen Monat nach der Hochzeit am 21. Juli 1845 den Sohn Joseph Eckert zur Welt bringen.

Bei Anna Maria habe ich etwas geforscht, weil ich mir erst nicht vorstellen konnte, daß sie mit 30 Jahren unverheiratet den 34jährigen Witwer Sebastian heiratet. Dann habe ich allerdings festgestellt, daß Anna Maria die älteste Tochter ihrer Familie war und ich nehme jetzt mal so hin, daß sie sich seit ihrer Kindheit um ihre vielen Geschwister gekümmert hatte.

Somit gründen Sebastian und Anna Maria eine Familie gerade dann als Sebastians berufliche Perspektive ins Kippeln gerät.

1847 wird Tochter Barbara geboren. Sie wird leider bereits 1851 mit 4,5 Jahre sterben.

Wilhelm wird im Sommer 1851 geboren. Er wird noch nicht mal ein Jahr alt werden und im Sommer 1852 sterben.

Am 26. Oktober 1852 wird mein Ururopa Johann Eckert in Flörsheim geboren. Er und sein sieben Jahre älterer Bruder Joseph werden die einzigen Kinder von Sebastian und Anna Maria sein, die das Erwachsenenalter erreichen werden.

Was macht Sebastian? Arbeitet er weiterhin als Leinreiter? Ab wann wird die Strecke mit Ketten und Maschinen für den Zugbetrieb umgestellt? Wurde das Flörsheimer Marktschiff, welches bis 1868 betrieben wurden, je von einer Maschinen gegen den Strom gezogen?

Alternativen wird sich Sebastian überlegt haben. 1862 wird das Opel-Werk direkt am anderen Ufer des Mains in Rüsselsheim eröffnet. Kann er dort Arbeit finden? Kann er Transporte für das Opel-Werk durchführen? Sebastian ist schon 51 Jahre alt als Opel eröffnet. Von Juni bis August 1866 gibt es wieder Krieg. Aber Sebastian wird in seinem Alter nicht einberufen werden. Joseph sein ältester Sohn ist 21 Jahre. Johann zu jung für die Wehrpflicht. Nach dem verlorenen Krieg gehört Flörsheim zu Preußen.

In den Folgejahren bildet sich der Norddeutsche Bund und die „innerdeutschen Grenzen“ werden für Fuhrwerker und Schiffer wesentlich einfacher zu händeln. Allerdings wird das Eisenbahnnetz auch immer weiter ausgebaut. Das Telegraphennetz, welches Hand in Hand mit den Eisenbahnstrecken wächst um die Waren anzukündigen, breitet sich auch mehr und mehr aus. Wird Sebastian es genutzt haben?

Gerne würde ich mehr über Sebastians letzte Jahre wissen. Ich habe allerdings erstmal nur seine Sterbeurkunde.  (Leider nur eine Zweitschrift in Abschrift – die Unterschrift hätte ich zu gerne gesehen.)

„Dietesheim am 7. Mai 1878“. Dietesheim. Heute ein Stadtteil von Mühlheim am Main. So sehr für den Basalt-Stein-Abbau bekannt, daß das Stadtwappen nur Steinblöcke auf rotem Grund abbildet.

Johann Eckert, Taglöhner meldet den Tod. Das ist mein Ururopa. Johann ist 25 Jahre alt. Laut Urkunde lebt er in Flörsheim.

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Ausschnitt aus der Sterbeurkunde von Sebastian Eckert

Johann „zeigte an, daß der Fuhrmann Sebastian Eckart, achtundsechszig Jahr alt, katholischer Religion, wohnhaft zu Dietesheim, geboren zu Flörsheim a/M.“

Sebastian lebt also zur Zeit seines Todes in Dietesheim. Keine Adresse, was jetzt wirklich nett gewesen wäre. Hat Sebastian als 68jähriger Fuhrwerker Basalt-Steine in Dietesheim transportiert? Damals gab es noch keine LKW, wenn das wirklich so ist, dann hat er die Basaltsteine mit auf sein Fuhrwerk verladen und dort selbst festgemacht. (Das ist heute rechtlich so verpflichtend geregelt, aber schon aus Selbstschutz machen die Fahrer die Ware selbst auf der Ladefläche fest.)

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Ausschnitt aus der Sterbeurkunde von Sebastian Eckert

„Sohn des Zimmermanns Peter Eckart und dessen Ehefrau unbekannt, zu Flörsheim“

Tja. Johann kannte anscheinend seine eigene Oma nicht? Barbara Klepper Eckert starb als Johann zwölf Jahre alt war, zwei Monate nach ihrem Ehemann Peter Eckert. Komisch. Vielleicht kannte Johann auch einfach nie den Namen seiner Oma? Seit wann lebte Sebastians Familie in Dietesheim, falls man so erklären kann, warum Johann nicht den Namen seiner Oma kannte. Andererseits, Johann selbst lebt in Flörsheim während sein Vater in Dietesheim lebte.

„am 7. Mai 1878 nachmittags einhalb sieben Uhr verstorben sei“.

Das ist jetzt wieder die ewige Frage, wie die Hessen im 19. Jh. die Viertelstunden gezählt haben. Ich lese da jetzt 18:30 Uhr. Aber ich komm vom Niederrhein …

Am Rand ist ein paar Jahre später Barbaras Name nach notiert worden. Auch wird handschriftlich nachgetragen, daß Anna Maria Wagner seine Ehefrau zum Zeitpunkt des Todes war.

Anna Maria überlebte Sebastian um zwölf Jahre. Deren Tod wird Anna, die Ehefrau von Joseph Eckert, den Behörden melden. Anna Maria Wagner Eckert starb in Flörsheim. Und ich vermute mal, sie lebte im Haushalt ihres Sohnes Joseph, wenn Josephs Ehefrau Anna den Tod von Anna Maria gemeldet hat. (Leider wieder keine Adresse angegeben.) Anna Maria Wagner Eckert wurde 75 Jahre alt.

Und das ist, was ich bisher über Sebastian zusammen getragen habe.

Wenn man die Familiengeschichte erforscht, hat man ja Interesse an so ziemlich allen. Da ich selbst Speditionskauffrau bin (wenn ich auch momentan nicht in meinem erlernten Beruf arbeite) und ich eine ganze Reihe von Logistikern (wie man heute sagen würde) auf direkter Linie habe, sogar auf direkter Linie „Spickermänner“ habe („Spicker“ sind Lagergebäude – sprich Spickermänner sind Lagerarbeiter), bin ich natürlich immer sehr gespannt darüber mehr zu erfahren. Besondern wie im Falle von Sebastian, dessen Berufsbild sich radikal ändern mußte, da die technische Revolution alles veränderte. Eindeutig scheint mir nur, daß Sebastian sich nicht einfach auf die neue Technik eingestellt hat (er hätte sich mit den Motoren vertraut machen können, die dazu genutzt wurden, die Schiffe an Ketten über die Flüße zu ziehen), sondern sich andere Wege suchte, seinen Beruf auszuüben.

Der technische Ablauf seines Arbeitsalltags als Leinreiter finde ich sehr spannend. Und es gibt noch so viele Fragen zu klären! Und natürlich frage ich mich auch, ob Sebastian auch auf den Barrieren protestierend stand, als die Telegraphenmasten kamen, als die Eisenbahngleise verlegt wurden, als in Hessen die Revolution ausbrach … und ob er sich genau wie so viele andere in dieser Zeit gefragt hat – das Leben hier ist so schwer … sollen wir nicht besser auswandern? Sicherlich kannte er einige Familien, die erfolgreich nach Nordamerika, Russland oder Bessarabien ausgewandert waren. (Andere kamen auch zurück, vielleicht beeinflußte das auch.)

Zum Abschluß ein letzter Blick als Erinnerung auf ein vergangenes Berufsbild … in Rüsselsheim, unmittelbar bei Flörsheim, gibt es ein Denkmal für die Leinreiter. Damit ist Sebastian der Trödler sicherlich auch ein bißchen verewigt:

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Das Leinreiter Denkmal von Rüsselsheim. 1994 aufgestellt, von Künstler Detlef Kraft gefertigt. Foto Quelle: Wiki Media Commons – klick , ein weiteres Bild mit der Inschrift hier

 

Emil Spickermanns Geburtstag jährt sich zum 149. Mal

Mein Uropa Emil Spickermann wurde heute vor 149 Jahren geboren.

Zu seinen Ehren schreibe ich ein bißchen darüber, was ich über ihn erfahren konnte.

Da ich leider kein Foto von ihm habe, hier ein Bild seiner Unterschrift:

EmilSpickermannUnterschriftHeiratElisabethDahlke

Emil Spickermanns Unterschrift in der Heiratsurkunde mit Elisabeth Dahlke

Montag 7. November 1870.

Preußen befindet sich im Deutsch-Französischen Krieg. Auch Männer aus Emils Familie wurden im Sommer bei der Mobilmachung eingezogen und befinden sich jetzt im deutsch-französischen Grenz-Gebiet. Tagesgespräch dürfte vermutlich der Krieg sein. Metz wurde kürzlich eingenommen. Die Preußischen Truppen stehen bei Paris, der damals zweitgrößten Stadt der Welt.

Emils Mutter ist laut seiner Heiratsurkunde Auguste Lemke verheiratete Spickermann. In Stöwen bringt sie Emil zur Welt. Ob Emils Vater August bei der Geburt dabei ist, kann ich nicht sagen, da ich keine Ahnung von Augusts Lebensdaten habe. Wo genau Auguste und August leben, kann ich auch nicht sagen. Vermutlich aber auf dem eigenen Bauernhof, denn in den wenigen Dokumenten, in denen August auftaucht, wird er als „Ackerwirth“ und „Eigenthümer“ angesprochen.

Die kleine Gemeinde Stöwen befindet sich politisch im Kreis Kolmar, in Hinterpommern, nahe der Grenze zu Polen. Das Standesamt der Gemeinde befindet sich in Uschhauland. Ob Emils Geburt dort überhaupt verzeichnet wird (im Jahr 1870 noch keine gesetzliche Pflicht), werde ich nie überprüfen können, denn der Bestand der Standesamtakten von Uschhauland wurden 1945 so wie es scheint komplett vernichtet.

Wenige Tage nach seiner Geburt wird Emil katholisch getauft worden sein. In Stöwen gab und gibt es eine katholische Kirche – St. Franz von Assisi. (Tatsächlich heute sogar zwei katholische Kirchen, da die ehemalige evangelische Kirche zu einer katholischen gemacht wurde inklusive Umbenennung.) Es handelt sich hier um eine Filialkirche der katholischen Gemeinde in Schneidemühl, die das Kirchbuch führt. Wenn ich auch persönlich noch nicht die Chance hatte darin zu forschen – diese Kirchenbücher befinden sich heute im Diözesan-Archiv in Köslin. Das hier abgebildete Kirchengebäude von St. Franz von Assisi wurde 1926/1927 errichtet. Leider konnte ich immer noch nicht genau klären ob es tatsächlich eine katholische Kirche in Stöwen gab vor dem Kirchneubau von St. Franz von Assisi 1926/1927. Die Quellenlage im Internet sowie in Büchern über Kirchgemeinden in Pommern ist relativ dürftig. Im Zweifelsfall wurde Emil dann in Schneidemühl getauft. Vielleicht kann ich hier aber noch etwas erforschen in der Zukunft.

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Die katholische Kirche St. Franz von Assisi in Stöwen, heute Stobno. Foto: Wiki Commons. Quelle:  https://pl.wikipedia.org/wiki/Stobno_(wie%C5%9B_w_powiecie_czarnkowsko-trzcianeckim)

Mit fünf Jahren wird Emil schulpflichtig für acht Jahre, d.h. bis er 13 ist. Er wird gemäß der preußischen Gesetzgebung acht Jahre lang in den Wintermonaten jeden Tag (d.h. Montag bis Samstag), in den Sommermonaten so oft wie möglich, jedoch mindestens zwei- bis dreimal die Woche zur Schule gehen müssen. (Ich habe hier sich widersprechende Angaben gefunden über die Reglung der Schulpflicht in den Sommermonaten.) Unterricht war drei Stunden vormittags sowie drei Stunden nachmittags. Dies war gesetzlich festgeschrieben. Gerade die Landbevölkerung sperrte sich dagegen, denn die Kinder wurden zur Arbeit auf dem Feld und auf dem Hof gebraucht. Auch konnten sich viele Dörfer gar keine eigene Schule finanziell leisten, weder den Unterhalt eines Schulgebäudes noch den Unterhalt und Lohn für einen Lehrer.

Stöwen allerdings hatte zwei Schulen. (Ab wann wäre eine interessante Frage.) Eine evangelische (mit zwei Lehrern) und eine katholische (mit einem Lehrer). Schulen damals waren immer konfessionell und waren jeweils mit einer Kirchengemeinde verbunden, in der der Lehrer/Schulmeister eine Funktion übernahm so zum Beispiel als Küster oder Organist.

Der Unterricht war dazu angelegt die Kinder zu „geschickteren und besseren Untertanen“ auszubilden. So wurde nicht nur Religion, Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt, sondern auch eine Art Sportunterricht, der allerdings im Grunde mehr eine Einführung zum militärischen Drill war. Unsere eigenen Erfahrungen mit Schulsport haben davon noch Reste erlebt – das Pferd, auf das man springen muss; die Kegel, die man wie Granaten werfen muss; Staffellauf etc. Denn das war die Intention des deutschen Kaisers – besssere Untertanen mit preußischem Drill.

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Die katholische Schule von Stöwen. Quelle: http://www.netzekreis.de/ortschaften/stoewen/stoewen.html

Auguste und August haben weitere Kinder – sicherlich den älteren Bruder August Bernhard. Dieser ist gerade fünf Jahre alt geworden. Wahrscheinlich gibt es mehr Geschwister, aber ich kann es bisher nicht mit Gewißheit sagen.

Danach habe ich große Lücken in Emils Biographie. Gesichert habe ich sonst nur, daß sein jüngerer Bruder Berthold Paul in Stöwen geboren wird als Emil 9 ist und seine jüngere Schwester Anna in Stöwen geboren wird, als Emil 16 ist.

Als Erwachsener wird er Anastasia Nowak heiraten. Über Anastasia weiß ich leider extrem wenig. Nur, daß Emil und sie zwei Kinder hatten. Theodor Spickermann, von dem ich schon geschrieben habe und eine Tochter, die eventuell Franziska hieß? Theodor wurde 1895 in Stöwen geboren.

Anastasia starb jung als die beiden Kinder noch sehr klein waren. Emil suchte sich eine neue Frau. Allein schon um die Kinder versorgen zu können, war das nötig. Er war ein junger Witwer mit zwei Kleinkindern …

Was fest steht ist, daß Emil am 26. Oktober 1899 in Schneidemühl die unverheiratete Elisabeth Dahlke heiratete.

Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt. Emil 29.

Nicht nur Emil brachte Kinder mit in die Ehe. Elisabeth hatte selbst keine Kinder vor der Ehe gehabt, allerdings war sie die älteste Tochter ihrer Mutter gewesen, die im Juli 1897 jung gestorben war.

Während ich immer noch nicht sicher sagen kann, was mit allen Kindern von Elisabeths Mutter geschah, so weiß ich aus Familienerzählungen, daß Elisabeth sich um die verwaisten Geschwister gekümmert hat. Besonders Elisabeths jüngste Schwester Antonia, die knapp drei Jahre beim Tod ihrer Mutter war, dürfte kaum eine andere als ihre große Schwester Elisabeth als Mutter wahr genommen haben.

Neben Antonia werden sich vermutlich noch Minna Julianna und Paulina Emilie bei Elisabeth befunden haben.

So beginnt die Ehe von Emil und Elisabeth direkt als eine Großfamilie! Emils Sohn und Tochter, Elisabeths drei jüngste Schwestern, eventuell weitere Schwestern von Elisabeth und ihr kleiner Bruder.

Über die Dahlke Frauen will ich definitiv separat schreiben, daher verkürze ich hier stark. Hier geht es ja auch primär um Emil.

Die Ehe von Elisabeth und Emil war laut Familienerzählungen sehr glücklich. Und kinderreich!

Im September 1900 kommt der Sohn Emil jr. Er wird in Stöwen geboren. Später wird er Bäcker in Schneidemühl und dann im 2. Weltkrieg fallen. Emil jr hatte fünf Kinder darunter zwei Zwillingspaare.

Tochter Elisabeth kommt im August 1902 in Schneidemühl zur Welt. Dort wird sie später heiraten und drei Söhne kriegen. Kurz vor ihrer Diamantenen Hochzeit wird sie in Viersen Dülken sterben.

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Emil Spickermanns Unterschrift auf der Geburtsurkunde von Elisabeth Spickermann

Im Dezember 1903 kommt die kleine Hedwig in Schneidemühl zur Welt. Leider wird das Kind bereits Mitte Januar 1904 in Schneidemühl sterben.

Dezember 1904 kommt dann Franz in Schneidemühl zur Welt. Er wird später Schriftsetzer, geht nach Düsseldorf, wird in Siegen heiraten und wird drei Söhne haben, bevor er 1941 in Schneidemühl stirbt.

EmilSpickermannUnterschriftGeburtFranz

Emil Spickermanns Unterschrift auf der Geburtsurkunde von Franz Spickermann

September 1906 kommt Bruno zur Welt, ebenfalls in Schneidemühl. Er wird eine Schwester meines Opas – Lene Klatt – heiraten und mit ihr einen Sohn und eine Tochter haben.

Im Juli 1908 kommt Leo in Schneidemühl zur Welt. Er wird als Erwachsener als Tapezierer arbeiten, auch er heiratet und hat mindestens einen Sohn.

Im März 1910 kommt Anastasia zur Welt. Über zehn Jahre nach der Heirat, noch länger als der Tod von Emils erster Frau … nennt er eine Tochter mit Elisabeth ‚Anastasia‘. Ich weiß nicht genau wieso, aber das rührt mich an. Auch daß Elisabeth ihre Tochter nach der verstorbenen Frau ihres Ehemannes nennt. Anastasia stirbt leider bereits im August 1911 in Schneidemühl.

Meine Oma Anna kommt im Januar 1912 in Schneidemühl zur Welt. Sie wird als Botin und als LKW-Fahrerin arbeiten. Sie wird Albin, den jüngeren Bruder von Lene Klatt heiraten. Das Paar wird einen Sohn und eine Tochter haben. Anna wird vor den Russen gemeinsam mit Elisabeth und ihrem kleinen Sohn flüchten. Der Sohn stirbt auf der Flucht. Nach all den Strapazen der langen Flucht werden sich Anna, Albin mit Annas Mutter in Krefeld niederlassen. Nicht weit entfernt lebt die älteste Tochter von Elisabeth – Elisabeth, die mit ihrem Ehemann und ihren drei Söhnen erst in Kleve, dann in Viersen leben wird.

Ein letztes Kind von Emil und Elisabeth ist Maria Magdalena. Sie wird im April 1914 in Schneidemühl geboren. Und wird dort leider bereits im September des Kriegsjahres 1915 sterben.

Emil wird in den Krieg gehen. Und dort verletzt werden.

Wann genau er starb habe ich immer noch nicht herausgefunden. Sicher ist nur, er wurde am Ende seiner Dienstzeit verletzt, kurz vor seinem 45. Geburtstag … und irgendwie kam er nicht mehr nach Schneidemühl. Denn dort starb er definitiv nicht. Aus Erzählungen weiß ich, daß er operiert wurde und dann innerlich verblutete. Welche Umstände genau zu der Operation führten … da bin ich immer noch unsicher.

Fest steht allerdings, daß Emils Tod eine große Lücke riss! So viele Kinder!

Das jüngste Baby musste er in Schneidemühl verabschieden … es starb etwa zu der Zeit als auch Emil verwundet wurde.

Zwei Töchter hinterließ Emil. Elisabeth knapp 15, Anna knapp 3.

Antonia, die Schwester/Tochter von Elisabeth, die Emil als ihren Vater gesehen haben dürfte, war vielleicht noch bei der Familie in Schneidemühl. Zu diesem Zeitpunkt war sie etwa 20.

Vier Söhne. Emil war 15, Franz 11, Bruno 9, Leo 7. Alle waren plötzlich Halbwaisen während des 1. Weltkriegs.

Emils Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits beide verstorben. Sein älterer Bruder August Bernhard 1913 in Berlin gestorben …

Vielleicht kann ich bis zum nächsten Jahr mehr herausfinden? Wann Emil wie starb? Wo er begraben wurde?

Bis dahin, denke wir einen Moment an Emil Spickermann …

 

Theodor Spickermann aus Schneidemühl

Mein erstes schwarzes Schaf kommt aus Pommern, seine Lebensgeschichte beginnt in Stöwen im ehemaligen Netzekreis und wird dann … „illuster“.

Hier ist die Geschichte über Theo Spickermann, die ich von mehreren Verwandten immer wieder gehört habe:

Theo war ein Gauner und als er eines Tages einem Polen Pferde gestohlen hatte, wurde er am Tag danach von der Polizei verhaftet. Er sollte dann zum Gefängnis in einen anderen Ort gebracht werden. Auf der Zugreise war er nur von einem Polizisten begleitet und ihm gelang es diesem zu entkommen – Theo sprang entweder während der Fahrt oder beim nächsten regulären Halt aus dem Eisenbahnwaggon. Er kam ein letztes Mal zu seinen Verwandten, packte einige Sachen und verschwand für Jahre … bis er in der Nazi-Zeit nach Schneidemühl kam und dort bei seinen Verwandten plötzlich in der Diele stand „Na, erkennt ihr mich noch??“.

In all den Jahren hatte er sich kaum verändert außer der Tatsache, daß er schon vom Aussehen her eindeutig zu Geld gekommen war. Theo erzählte stolz, daß er nach Hamburg gegangen war. Dort hatte er eine Wach- und Schließgesellschaft gegründet mit der er gutes Geld verdiene … er habe sogar ein eigenes Telefon und sagte allen Verwandten, sie könnten ihn jederzeit in Hamburg anrufen, wenn was wäre! Sie sollten ihm auch ihre Telefonnummern geben, damit sie in Kontakt bleiben können!

Telefonanschlüße waren damals noch selten und teuer.

Keiner der Verwandten in Schneidemühl und schon mal gar nicht die in den kleineren Städten im Netzekreis hatten einen eigenen Telefonanschluß.

Meine Verwandten erzählten immer wieder von diesem für sie absurden Vorschlag, Theo könnte sie ja jetzt einfach anrufen …

Während Theo alle seine Verwandten abklapperte, kam er auch zu „Oma Spickermann“ – Elisabeth Dahlke Spickermann, seine Mutter.

Elisabeth lebte damals unter sehr einfachen Verhältnissen in der Feldstr. 14 (späterer Name der gleichen Adresse Königsblicker 28). Als er die einfachen Verhältnisse sah, lachte er laut, was meine Verwandten sehr verletzte.

Er fragte dann, warum an den Wänden keine Bilder hängen würden. Antwort: weil wir dafür kein Geld haben.

Also schleppte Theo eine Handvoll Verwandte inklusive Elisabeth in ein Schneidemühler Kaufhaus um ein Bild für die Wand zu kaufen. Und da der Theo so ein guter Nazi war, bestand er darauf, daß es ein Hitler-Bild sein würde, denn jeder Haushalt sollte so eins an der Wand haben!

Im Geschäft verhielt sich Theo „wie Graf Rotz von Kotz“ aber noch mehr waren meine Verwandten schockiert, daß Theodor ein großformatiges Hitler-Bild in einem hochwertigen großen Rahmen kaufte. So viel Geld für ein Bild und dann auch noch von Hitler … das Entsetzen darüber war Jahrezehnte später noch gewaltig. „Was man für das Geld alles für Sinnvolles hätte kaufen können! Oder was zu essen für alle!“ Dies Begebenheit geschah in der Kriegszeit!

Unter großem Trara wurde das Bild an die Wand gebracht. Kurz darauf reiste Theo wieder ab. Er würde sich melden und bestimmt wieder zu Besuch kommen!

Sobald er abgereist war, kam der Hitler von der Wand (die Spickermänner waren erzkatholisch und Hitler war gegen die Kirche) und wanderte mit dem Gesicht gegen die Wand hinter den Schrank. Es wurde kurz überlegt ob man nicht das Bild oder den Rahmen verkaufen könne … aber Theo hatte angekündigt, er würde wieder kommen und sowieso, die Nachbarn hätten geredet, wenn man ein Hitler-Bild verkaufen würde …

Theodor kam danach aber nie wieder nach Schneidemühl. Per Brief erfuhren sie einige Zeit später, daß Theo an einem Herzinfarkt gestorben war … er war einfach eines Tages tot zusammen gebrochen.

Einer meiner Verwandte sagte nach jeder Erwähnung von Theo immer als „Abschluß“ – „dieser Gauner hatte es schon immer viel zu einfach gehabt – mit Herzschlag tot umgefallen!“.

Das ist was ich über ihn aus Familiengeschichten weiß. Ich weiß mehr, aber das hier wurde mir von mehreren Verwandten so erzählt, also denke ich, dürfte es sehr nah an der Wahrheit sein, ganz abgesehen von persönlichen Sympathien.

Was ich auch wußte war, daß Theo irgendwie ein Halbgeschwister der anderen Spickermänner in Schneidemühl war. Lange dachte ich, Theo sei ein voreheliches Kind von Elisabeth gewesen … aber Theo war der Sohn von Emil Spickermann.

Ausgangslage meiner Suche nach Dokumenten über Theos Leben waren folgende Eckdaten:

  • Vor 1899 geboren (Ende Oktober 1899 heiraten Emil Spickermann und Elisabeth Dahlke in Schneidemühl)
  • Geburt vermutlich in Stöwen oder Schneidemühl (Emil kommt aus Stöwen)
  • evtl Heirat von Theodor in Schneidemühl ab den später 1910ern
  • evtl Theodor Spickermann in den Verlustlisten 1. Weltkrieg
  • dann evtl in Adreßbüchern in Hamburg, ab wann unklar
  • Tod wahrscheinlich in Hamburg in den 1940ern

Das wirkt wenig aber damit konnte ich arbeiten!

Zunächst einmal suchte ich in den vertrauten Quellen – den Standesamt Akten aus Schneidemühl – keine Geburt von Theodor Spickermann zu finden. Ich suchte nach einer Hochzeit eines Theodor Spickermann in Schneidemühl – auch nichts.

In den Verlustlisten des 1. Weltkriegs taucht zweimal ein Theodor Spickermann aus Biegodzin/Wirsitz auf. Allerdings ist dort der Geburtstag „falsch“ – 19.10 und 19.10.87 sind dort jeweils die Daten. Dieser Theodor ist definitiv zu alt und wo Wirsitz ist, hab ich erst gar nicht recherchiert.

Nächster Schritt – Adreßbücher Hamburg – Bingo!

Amtliches Fernsprechbuch Hamburg 1939

FernsprechbuchHH1939

Wenn das nicht mal eine Wach- und Schließgesellschaft ist! Und mit Telefonanschluß! Da haben wir Theo in Hamburg mit seinem Telefon in seiner Wach- und Schließgesellschaft.

Die Adresse hab ich mir auf Google Maps angeschaut – unmittelbar an der Binnenalster, wenige Gehminuten vom Thalia entfernt, noch näher am Hauptbahnhof Nord. Lt. Google Streetview saß 2008 in dieser Adresse ein Steuerprüfer- ich finds lustig! Da ist doch der flüchtige Pferdedieb gut auf die Füße gefallen in Hamburg!

Im Amtlichen Fernsprechbuch Hamburg 1941 ist er auch wieder dabei

FernsprechbuchHH1941

Der Eintrag vom Fernsprechbuch Hamburg 1943 sieht dann so aus:

FernsprechbuchHH1943

Aha! Zwei Adressen und Frau Theodor Spickermann ist erwähnt. Was bedeutet das genau? Ist das Theos Witwe oder soll das bedeuten, daß Theo und seine Frau hier gelistet sind?

Die zweite Adresse auf der Ferdinandstraße ist quasi genau um die Ecke in Richtung der Binnenalster, leicht westlich der ersten Adresse, sprich etwas näher am Thalia Theater, ein klein bißchen näher an der Binnenalster, nur unwesentlich weiter entfernt vom Hbf Nord. Während die erste Adresse ein schmales Eckhaus ist mit einer Ladenzeile im Erdgeschoß, welches scheinbar auch heute noch als Laden genutzt wird, ist die zweite Adresse ein Wohnhaus.

Was ich hier aber schon mal genau weiß ist, daß die Informationen meiner Familie soweit richtig waren. Theo hat sich tatsächlich in Hamburg mit einer Wach- und Schließ selbständig gemacht. Jetzt suche ich nach Theodor Spickermann in Hamburger Standesamtlichen Dokumenten … und werde fündig.

SterbeTheoSpick01

Der 3. November 1942 war ein Dienstag. Zu diesem Zeitpunkt war Theo polizeilich in der Adresse Gertrudenstraße gemeldet. Er starb abends 17:30 Uhr in der zweiten Adresse, dem Wohnhaus um die Ecke Ferdinandstraße.

Ist dieser Theodor auch wirklich der Theo aus Pommern, den ich suche?

 

SterbeTheoSpick02

Ja, bingo!

Dem Standesbeamten in Hamburg lag sogar Theos Geburtsurkunde aus Uschhauland im Netzekreis vor! Vater Emil Spickermann … und hier steht der Name der Mutter! Anastasia geborene Nowak!

Zu gerne würde ich mir jetzt sofort die Geburtsurkunde von Theodor ziehen und auswerten – dort würde dann stehen, an welchem Ort Theodor wirklich geboren wurde … zum Bezirk des Standesamt Usch Hauland gehörte unter anderem auch Stöwen. Allerdings auch weitere Dörfer. Und natürlich würden mich weitere Daten zu den Eltern brennend interessieren!

47 Jahre war er alt. Das Geburtsdatum verrät, daß Theo bis 1940 wehrpflichtig war. Auch während des 1. Weltkrieges war er im wehrpflichtigen Alter – am 1. August 1914 als der Kaiser die Mobilmachung verkündete, war Theo 19 Jahre alt.

Aber wir wollen erstmal dieses Dokument betrachten

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Und wir haben seine Ehefrau! Die Heiratsurkunden von Hamburg sind nicht online einsehbar, allerdings kann man die Register durchsuchen. Dort habe ich die kleine Zusatzinfo gefunden, daß Krause der gebürtige Name der Ehefrau ist, sie aber auch den Namen Schultz trug.

All das – spannend! Allerdings haben die Sterbeurkunden dieser Zeit noch eine weitere Kategorie …

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Da haben wir ihn – den plötzlichen Herztod.

Und netterweise auch das Heiratsdatum mit der Nummer der Heiratsurkunde vom Standesamt Hamburg 1.

Es bleiben Fragen … gibt es noch irgendwo die Geburtsurkunde von Theo einzusehen?? Eigentlich würde ich die Standesamt-Bestände aus Uschhauland im Berliner Standesamt I vermuten. Und damit müssten diese Akten eigentlich online sein? Kann ich die Geburtsurkunde nur nicht finden? Da Theodor genau wie Emil katholisch war, müsste er in den Kirchenbüchern noch auftauchen. Stöwen gehörte zum katholischen Kirchspiel von Schneidemühl an. Diese gibt es noch allerdings nicht online sondern im Archiv in Poznan.

Was mich vor allem interessiert ist Anastasia Nowak!! Wer war sie, wo kam sie her, wann starb sie wo? War Theo das einzige überlebende Kind von Anastasia und Emil? Wann heirateten Anastasia und Emil – waren sie überhaupt verheiratet?

Ab wann lebte Theo in Hamburg? Flüchtete er direkt von Schneidemühl dorthin, oder versuchte er sich zunächst in einer anderen Stadt?

Und natürlich – gab es Kinder von Theo? Was wurde aus Bertha Lina?

 

Gedanken zu Problem-Personen und komplizierten Recherchen

Viel Zeit verstrichen – ich habe einige Blogeinträge bereits vorbereitet und ich hoffe diese nach und nach online stellen zu können.

Eigentlich geplant hatte ich diese Einträge schon vor Jahren aber es kam einiges dazwischen … bei einer Familie, die ich z.B. vorstellen wollte, stellte sich mir plötzlich das Problem, daß ich mir nicht mehr sicher war, ob ich die Dokumente richtig transkribiert hatte! In diesen Dokumenten gab es Namensänderungen, falsche und später geänderte Angaben und plötzlich viel mehr Nachkommen als ich es erwartet hatte!

Zusätzlich tauchten Leute auf, die ich als „Problem-Personen“ benenne.

Viel habe ich selbst erlebt und durch die Genealogie habe ich viele Lebensläufe gesehen, die alles andere als „unproblematisch“ waren. Lebensläufe und Entscheidungen dieser Menschen, die einem den Kopf schütteln lassen oder vielleicht sogar schockieren.

Die Frage ist – wie schreibt (Hart)man(n) darüber.

In Zukunft werde ich das posten, was ich in den vergangenen Jahren geschrieben habe. Schritt für Schritt.

Mein eigentlicher Plan war, daß ich über die Familienmitglieder schreibe, die im 1. Weltkrieg gestorben sind. Diese Blog-Einträge stehen ungeduldig in der Warteschlage wie z.B. Joseph Eckert. Ich denke mit ihm werde ich bald anfangen.

Zunächst werde ich aber mit einem anderen Familienmitglied beginnen … einem Pferde-Dieb, der dann überzeugter Nazi wurde. Das klingt schon prima, oder? Er wurde auch „erfolgreicher Unternehmer“. Vielleicht schaffte er seinen Charakter zu ändern, hatte ein Einsehen, daß er sich schlecht verhielt? War ein „gutes“ Beispiel für das Leben seiner neuen Freunde und Familie nachdem er die Heimat verlassen hatte?

Schwierig sowas!

Saturday Night Genealogy Fun (am Sonntag)

Hallo!

Lange nichts mehr gepostet! Es lag nicht daran, daß ich nicht wollte, es kam nur immer so viel dazwischen!

Dazu passend, hier mein Beitrag zu Saturday Night Genealogy Fun (am Sonntag Abend deutscher Zeit geschrieben).

Auftrag: Schreibe wo Deine Vorfahren vor genau ein hundert Jahren waren am 16. September 1917 waren. Ok!

Mein Großvater Johann Jakob Hartmann, genannt Jean-Jac, lebte am 16. September 1917 noch bei seinen Eltern, denn er war erst 13 Jahre alt.

Seine Vater Heinrich Hartmann war Lehrer in Worms. Seine Mutter Katharina Margaretha Therese Wilhelmine Weber (Tochter eines Lehrers) war „ohne Gewerbe“ und würde nur wenig später in acht Monaten und 28 Tagen mit nur 38 Jahren sterben. Woran weiß ich leider (noch) nicht. Jean-Jacs jüngerer Bruder Heinrich war am Stichdatum neun Jahre alt.

Die Familie lebte in Worms vermutlich in der Pfrimmstr. 2. Heinrich Hartmann ist ab 1918 bis einschließlich 1939 (dann als „Lehrer a.D.“ gelistet) über Telefonbücher in dieser Adresse nachweisbar. Hierbei handelt es sich um eine sehr einfache Unterkunft, die kleine Familie lebt in einem Mehrparteienhaus, welches vom Hauseigentümer ebenfalls bewohnt wird. Da Lehrer damals eher schlecht bezahlt wurden, überrascht dies nicht. Der Familienvater Heinrich war zu diesem Zeitpunkt 38 Jahre alt und musste vermutlich Wehrdienst leisten.

Der Großvater väterlicherseits dieser Familie Johann Jakob Hartmann, genannt Jakob, lebte ebenfalls noch. Er war 66 Jahre alt und lebte in Reichelsheim im Odenwald. Ob er immer noch als Volksschullehrer arbeitete, konnte ich bisher nicht herausfinden. Seine Ehefrau Anna Elisabeth Bormuth lebte ebenfalls noch in Reichelsheim. Heinrich war das einzige Kind von Johann Jakob und Anna Elisabeth, welches das Erwachsenenalter erreicht hatte.

Der Vater von Katharina Weber lebte ebenfalls noch. Karl August Weber, Lehrer, war 66 Jahre alt und ich konnte bisher nicht herausfinden, ob er zu diesem Zeitpunkt noch als Lehrer tätig war. Seine erste Frau Anna Katharina Finkernagel war bereits 1886 verstorben. Ob seine zweite Ehefrau Henriette noch lebte, weiß ich leider nicht. Karl August Weber starb 1921 in Buchschlag, Dreieich, Hessen. Katharina hatte eine ältere Schwester gehabt, die allerdings bereits 1898 verstorben war. Ob sie Halbgeschwister aus der Ehe von Karl August mit Henriette hatte, konnte ich bisher nicht herausfinden.

Mein Urgroßvater Lorenz Eckert, lebte zum Stichtag in Flörsheim, Main-Taunus-Kreis, Hessen. Lorenz lebte mit seiner Ehefrau Karolina „Lina“ Lehmann und dem gemeinsamen Sohn in Flörsheim. Er arbeitete als Fabrikarbeiter bei den Farbwerken in Hoechst. Lorenz wird tragischerweise nur noch wenig Zeit bleiben – er wird im Dezember 1920 bei einer Explosion auf dem Werksgelände in Hoechst tödlich verletzt. Im Dezember 1918 war er zum zweiten Mal Vater geworden – Maria Elisabeth „Elli“ ist meine Großmutter väterlicherseits. Aber das ist Zukunftsmusik. Der junge Vater ist vor 100 Jahren 27 Jahre alt.

Lorenz‘ Vater Johann Eckert I., mein Altvater, lebt vor 100 Jahren ebenfalls in Flörsheim, er ist 64 Jahre alt. Seine Ehefrau Susanna Schneider ist vor einem halben Jahr mit 69 Jahren gestorben. Johann wird 1920 sterben. Sein Schwager Nikolaus Schneider wird 1926 in Flörsheim sterben. Alle anderen Geschwister (und die Eltern) von Susanna werden bereits Jahrzehnte tot sein.

Johann hat eine ganze Schar von Kindern. Lorenz ist sein jüngstes Kind. Vor 100 Jahren leben noch Lorenz‘ großer Bruder Wilhelm (der Erstgeborene) und seine Schwestern Katharina und Theresia. Die Familie war offensichtlich sehr eng miteinander – wenn ich die Sterbe-, Heirats- und Taufeinträge sehe, sehe ich immer wieder die Eltern und die Geschwister als Zeugen und Paten auftauchen. Alle leben in Flörsheim, relativ nah beieinander. Johann lebt mit Susanna laut deren Sterbeurkunde ein halbes Jahr vor dem Stichtag in der Obermainstraße Nr. 9. Johanns Beruf wird mit Steinbrucharbeiter angegeben. Wilhelm Eckert zeigt den Tod seiner Mutter an. (Er wird ein paar Jahre später auch den Tod seines Vaters anzeigen. Dieser verstarb in der Untermainstr. 34, welches scheinbar die Wohnung von Wilhelm und seiner Familie war.)

Linas Eltern leben ebenfalls noch in Flörsheim. Auch diese Familie scheint eng verflechtet und taucht gegenseitig ebenfalls ständig auf deren Urkunden auf.

Linas Vater ist der Schneidermeister Gottlieb Lehmann. Gottlieb ist keine lokale Pflanze – er kam aus Sachsen nach Hessen. Wie genau das geschah, ist mir unklar. Ich weiß nur, daß er das einzige Kind des Flörsheimer Schneidermeisters Johann Schäfer heiratete – Elisabetha. Elisabetha hatte eine Schwester, die aber bereits als Kind verstarb. Schneidermeister Schäfer und seine Ehefrau starben bereits vor der Jahrtausendwende. Von dieser Schäfer Familie lebte vor 100 Jahre also nur noch Elisabetha in Flörsheim mit ihrem sächsischem Schneidermeister Gottlieb und ihren Kindern. Gottlieb war 59 Jahre, Elisabetha 57 Jahre alt. Die Lehmanns waren auch mit einer reichen Kinderschar beschenkt. Aber auch hier waren sicher Tränen vorhanden, denn nicht alle Kinder erreichten das Erwachsenenalter, einige der Söhne kamen nicht aus dem 1. Weltkrieg zurück. (Hiermit hatte ich mich bereits in einem Blogbeitrag beschäftigt.)

Vor 100 Jahren lebten noch folgende Geschwister von Lina: Ihre ältere Schwester Johanna, ihr jüngerer Bruder Gerhard. Ihr jüngerer Bruder Michael Karl Lehmann wird im Krieg fallen, wann genau ist unklar, Zeitpunkt vor dem September 1918.

Vor 100 Jahren war Linas jüngerer Bruder Joseph bereits im Krieg gefallen – nur 21 Jahre alt bei einem Gefecht bei Friese, Frankreich, Ende Januar 1916.

Linas jüngere Schwester Barbara war zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt und lebte vermutlich in Flörsheim. Linas jüngerer Bruder Julius Albert Lehmann war zum Stichtag 19 Jahre alt, war als Bahnarbeiter gelistet, leistete vermutlich allerdings Kriegsdienst. Julius würde ebenfalls im Krieg fallen – im August 1918 in Herbeville, Frankreich.

Ob Linas jüngster Bruder überhaupt Wehrdienst leisten musste, weiß ich bisher nicht. Er wurde im März 1900 geboren und lebte vor 100 Jahren in Flörsheim.

Nun wende ich mich von meiner väterlichen Seite, die in Hessen lebte zu meiner mütterlichen Seite, die in Pommern lebte zu:

Mein Großvater Albin Klatt lebte in Riege, Deutsch Krone. Hier handelt es sich um ein kleines typisches Dorf in Hinterpommern. Er wurde erst am 23. August 1912 geboren als jüngstes Kind von August Klatt und Wilhelmine Fik. Ein genaues Geburtsdatum von August habe ich leider nicht. Ich weiß nur, er wurde 1875 geboren, er war Herren-Schneidermeister und er war Bürgermeister von Riege. Seine Ehefrau Wilhelmine war zwei Jahre jünger. Entsprechend waren die beiden 42 und 40 Jahre als vor 100 Jahren. Albin war das jüngste Kind einer ganzen Kinderschar, insgesamt sechs Mädchen und drei Jungs. Die Familie lebte auf einem Bauernhof, den sie zur Selbstversorgung in Riege betrieben. August musste vermutlich Wehrdienst leisten, genaueres weiß ich bedauerlicherweise nicht.

Albins spätere Ehefrau Anna Spickermann lebte mit ihrer Familie in Schneidemühl, einer größeren Stadt in Pommern. Anna war ebenfalls ein Kind vor 100 Jahren. Sie war am 25. Januar 1912 geboren worden und war zum Stichtag erst fünf Jahre alt. Anna war ebenfalls das Nesthäkchen der Familie.

Die Spickermänner waren vom 1. Weltkrieg ebenfalls betroffen. Der Familienvater Emil starb – ich habe immer noch keine Bestätigung woran und wie. Aber mittlerweile kann ich wohl davon ausgehen, daß er nicht zu hause starb. Zuhause war die Königsblicker Straße 28 in Schneidemühl. Nah am Fluß Küddow, der die Stadt durchfloß und nah am Lok-Bahnhof, der vor 100 Jahren state of the art war. Nah war ebenfalls die Kirche, die die Familie besuchte, St. Antonius.

Die Mutter der Familie die 42jährige Elisabeth Dahlke kümmerte sich nach dem Tod ihres Mannes aufopferungsvoll um ihre Familie, konnte aber selbst nur dadurch überleben, daß ihre erwachsenen Kinder ihr Geld und Lebensmittel zusteckten. Das Leben vor 100 Jahren war hart in Schneidemühl.

Die Kinder waren noch jung und musste schnell mithelfen. Der älteste Sohn Emil war vor 100 Jahren erst seit wenigen Tagen 16 Jahre alt. Er absolvierte vermutlich zu dieser Zeit eine Bäckerlehre. Die zweitälteste war Elisabeth, die erst vor wenigen Tagen 15 geworden war. Leo war 14, Franz würde im Dezember 13 Jahre alt werden. Der jüngste Sohn Bruno war 11 Jahre alt. Anna, das Nesthäkchen war ein richtiger Nachzügler. Es gab einen Sohn aus einer früheren Ehe von Emil, ein Theodor Spickermann. Dieser scheint zu dieser Zeit nicht bei Elisabeth und ihren Kindern gewohnt zu haben.

Für die 42jährige war es sicherlich hart. Auf Unterstützung durch ihre eigenen Eltern konnte sie nicht hoffen – diese waren bereits vor der Jahrtausendwende verstorben. Elisabeth hatte eine zwei Jahre jüngere Schwester Maria. Ob Maria zu diesem Zeitpunkt in Schneidemühle lebt, weiß ich leider nicht. Maria hatte noch nicht einmal den gleichen Nachnamen wie ihre Schwester Elisabeth – Elisabeth war ein uneheliches Kind, welches den amtlichen Namen ihrer Mutter Johanna Dahlke erhalten hatte und weiter unter diesem Namen geführt wurde. Elisabeth und Maria hatten die gleichen Eltern, die Ehe scheint zwischen der Geburt der beiden Schwestern geschehen zu sein. Maria hatte den Nachnamen des Vaters der beiden Mädchen erhalten: Binnenböse.

Auch wenn ich nicht weiß, wo Maria vor 100 Jahren lebte, dennoch weiß ich durch Familienerzählungen, daß die beiden Schwestern sich immer nahe standen. Als es Ende Januar 1945 zur Flucht aus Pommern kam und Elisabeth Dahlke Spickermann mit ihrer jüngsten Tochter (und deren Baby Herbert) flüchten mussten, da flüchteten die beiden Frauen zu Maria Binnenböse, die mittlerweile in einem Vorort von Berlin lebte.

Und das war es. Leider habe ich keine passenden Fotos, was natürlich schade ist.

Allerdings fand ich dies hier auch so eine interessante Reise in die Vergangenheit von vor 100 Jahren. Danke für die Challenge, Randy! 🙂

Saturday Night Genealogy Fun – the day your grandfather was born

Um wieder in den Rhythmus des Blog-Schreibens zu kommen, mache ich am Sonntag Abend beim Saturday Night Genealogy Fun von Genea Musings mit.

Diese Woche mit dem Thema „der Tag an dem dein Großvater geboren wurde“. Da ich mich um die Beantwortung der Fragen quasi bei allen von mir recherchierten Familienmitgliedern beschäftigt habe, mache ich hier gerne mit.

Ich kann ja aus dreien wählen, wobei ich ja leider nur von zweien die Daten habe.

Albin Bernhard Klatt, mein Großvater mütterlicherseits, wurde am 23. August 1912 in Riege, Deutsch Krone, Pommern geboren.

Johann Jakob Hartmann, mein Großvater väterlicherseits, wurde am 20. Mai 1904 in Worms geboren.

Eddie White, der leibliche Vater meines Vaters, ist immer noch eine unbekannte Größe, dementsprechend liegen mir leider keine Daten zu seinem Leben vor.

1)  What day of the week was your Grandfather born (either one)? Tell us how you found out.

Opa Albin wurde an einem Freitag geboren. Herausgefunden habe ich dies, indem ich vor langer Zeit in einigen Büchern nachgeschlagen hatte und gerade eben noch mal über google gesucht hatte (ob ich noch was Neues finden kann). Fündig wurde ich auf geboren.am schicksal. com onthisday.com und bei wikipedia.

Weitere Informationen zum Geburtstag von Opa Albin: Er ist in einem Schaltjahr zur Welt gekommen, im Sternzeichen Löwe, Wasserratte im chinesischen Horoskop.

Opa Jakob wurde ebenfalls an einem Freitag geboren. Lustigerweise handelt es sich mit 1904 um ein weiteres Schaltjahr, was mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt war! Beide mir bekannte Opas sind in einem Schaltjahr jeweils an einem Freitag geboren! Das hatte ich auch schon vor Jahren recherchiert, aber jetzt gerade erst ist es mir bewußt geworden, als ich diesen Blog-Beitrag begann zu verfassen. Nasowas! Frisch gegooglet habe ich hier geboren.am und wikipedia und wikipedia Nr. 2 und wikipedia Nr. 3.

Für Opa Jakob hatte ich die Tierkreiszeichen auch nachgeschaut – diese hatte ich mir bereits vor einiger Zeit notiert. Im westlichen Tierkreiszeichen war er Stier. Im chinesischen Tierkreiszeichen war Jakob ein Holz-Drache. (Ich bin ein Feuer-Drache.)

2) What has happened in recorded history on your Grandfather’s birth date (day and month)? Tell us how you found out, and list five events.

Am 23. August 1912 geschahen laut den oben genannten Online Quellen in Deutschland eher wenig. Seit Mai und noch bis Ende September war in Köln die bedeutende Ausstellung des Sonderbundes zu sehen.

In den Vereinigten Staaten verschwand am 23. August 1912 Bobby Dunbar um dessen Verschwinden und scheinbares wieder Auftauchen acht Monate später ein großes Rätselraten und öffentliche  Diskussion entstand. Ein sehr kurioser Fall, denn durch einen vor wenigen Jahren vorgenommenen DNA-Test konnte nachgewiesen werden, daß der Junge, der nach acht Jahren wieder auftauchte und für Bobby gehalten wurde, kein Blutsverwandter der Dunbars war. Ich frage mich, ob dieser Fall eine Inspiration hinter einem Film mit Angelina Jolie war.

Ebenfalls in den Staaten trat der Pure Food and Drug Act in Kraft, nach dem in einem Lebensmittel oder einer Droge/Medizin nur das enthalten sein darf, was ausgezeichnet war.

Im heutigen Ghana, damals von den Kolonialmächten Goldküste genannt, wurde Hugh Clifford als Verwalter eingesetzt. Er blieb bis 1919 auf diesem Posten.

Bandar Abbas, damals Persien heute Iran, wurde von Rebellen angegriffen.

Am 20. Mai 1904 geschah relativ wenig. Ich habe nichts gefunden, bööö.

Zusatzinfo: Am 21. Mai 1904 wurde in Paris die FIFA gegründet.

3)  What famous people have been born on your Grandfather’s birth date?  Tell us how you found out, and list five of them.

Was ich schon seit vielen, vielen, vielen Jahren weiß, ist daß mein Opa Albin den gleichen Geburtstag wie Gene Kelly hat! Was natürlich für mich als alte Stepp-Tänzerin ganz wunderbar ist.

Wesentlich bedeutender finde ich allerdings den Beitrag den Ingeborg Kummerow zur Weltgeschichte leistete – sie war Widerstandskämpferin und Teil der sog. Roten Kappelle. Auch Ingeborg wurde an diesem Freitag im Schaltjahr 1912 geboren in Hamburg-Rahlstedt.

Ebenfalls am 23. August 1912 wurde der russissche Erfinder Alexei Iwanowitsch Sudajev geboren. Er ist der Entwickler der Maschinenpistole PPS-43.

Auch am 23. August 1912 wurde der Zeichentrickzeichner Ed Benedict geboren. Von ihm sind u.a. der Yogi-Bär und Fred und Wilma Feuerstein.

Der schwedische Jurist Gunnar Lagergren wurde an diesem Freitag in Stockholm geboren.

In Japan wurde der Lyriker Miya Shuji geboren.

Für die Literatur schien ein guter Tag zu sein, denn in Brasilien kam der Schriftsteller Nelson Rodrigues zur Welt.

Zwei Tage später, also als Sonntagskind, wurde übrigens Erich Honecker geboren.

Opa Albin und all die genannten würden dieses Jahr ihren 105. Geburtstag feiern.

Opa Jakob, der am Freitag den 20. Mai 1904 geboren wurde, teilt seinen Geburtstag ebenfalls mit Schriftstellern.

Margery Allingham wurde in London geboren. Sie wurde später als Autorin klassischer Detektiv-Romane bekannt.

In Tokyo wurde Nagai Tatsuo geboren. Er wurde anscheinend vor allem durch seine Kurzgeschichten bekannt.

Da ich nicht mehr finden konnte – drei Tage zuvor, am 17. Mai 1904, wurde der französische Schauspieler Jean Gabin geboren.

All die hier Aufgezählten würden dieses Jahr ihr 113. Geburtstag feiern.

Zusatzinfo: Am 20. Mai 1908 wurde einer meiner absoluten Lieblingsschauspieler geboren – Jimmy Stewart.

One Lovely Blog Award

One Lovely Blog Award

One Lovely Blog Award

Karen hat mich für den One Lovely Blog Award nominiert. Darüber freue ich mich natürlich sehr! Vielen Dank Karen!

Was ist der One Lovely Blog Award?

Nach mehrfacher Online-Recherche konnte ich im Grunde über die Ursprünge des One Lovely Blog Award nur wenig herausfinden. (Suchen über die großen Internetsuchmaschinen bringt eine Vielzahl von Blogeinträgen zu Tage, in denen genau dies geschildert wird – über die Ursprünge ist nichts herauszufinden.)

Fest steht nur: Man wird nominiert, bedankt sich dafür, schreibt sieben Sachen über sich selbst, nominiert 15 (oder so viel man mag) andere Blogger und teilt ihnen das mit.

Auch wenn ich nicht genau die Ursprünge oder die Urheber ergründen konnte, so kann ich doch in den vielen Blogeinträgen eins erkennen: Man wird von jemanden nominiert, der den jeweils nominierten Blog für interessant genug hält nominiert zu werden mit der kleinen Verpflichtung etwas über sich selbst Preis zu geben und dann den Staffel-Stab weiterzugeben.

Ich verstehe es so, dass ich so Blogs nominieren kann, die mir Freude bereiten und die eventuelle Leser meines Blogs vielleicht noch nicht kennen und mal mit einem Klick kennenlernen können. Diese Idee finde ich gut, deshalb hier:

Sieben Dinge über mich:

  • Ich bin gelernte Speditionskauffrau und mit 30 Jahren an die Uni gegangen um Ägyptologie und Archäologie zu studieren. Mittlerweile studiere ich nur noch Archäologie. (Materielle Hinterlassenschaften erkunden liegt mir sehr viel mehr als Hieroglyphen und mittelägyptische Grammatik auswendig lernen.)
  • In meiner Familie kommen erfreulich häufig „Vornamen-Buchstaben-Paare“ vor: Meine Eltern heißen Regina und Roman, meine Großeltern mütterlicherseits Anna und Albin. Annas Eltern hießen Emil und Elisabeth. Emils Eltern hießen August und Auguste. Auf der Seite meines Vaters kommt es auch vor,  ist aber natürlich etwas komplizierter. Meine Oma hieß Elli. Der Soldat, der der Vater meines Vaters war hieß Eddie. Ellis Eltern sind Lina und Lorenz … ich könnte so lustig weitermachen … Da ich selbst Verena heiße, habe ich es mit „V“ nicht so einfach. 😉 Ich könnte mir aber auch einfach jemanden suchen, der zwei Vornamen hat, die mit dem gleichen Vornamen anfangen – aber das wäre ja irgendwie gemogelt, gell? 😉
  • Ich habe stets eine Flasche 4711 in meinem Rucksack. Nicht nur aus Lokalpatriotismus (ich bin geborene Krefelderin, studiere aber in Köln, habe dort auch lange und gerne gelebt), sondern als Pendlerin braucht man immer wieder mal schnell einen guten Geruch in der Nase …
  • Mein Leben hat sich komplett verändert seit meinem Entschluss aus meinem Beruf (Speditionskauffrau) „zurück“ an die Uni zu gehen – nichts ist mehr so, wie es damals war. Sehr schwerwiegende Sachen sind passiert auf die ich keinen Einfluss hatte; vor allem die dramatische Krebserkrankung meiner Mutter und ihr Tod waren extrem schlimm für mich. Aber jetzt, Jahre später und noch lange nicht alle Probleme gelöst und immer noch traurig über einige Erlebnisse, bin ich glücklicher und entspannter als jemals zuvor. Mich haut nix mehr aus den Socken!
  • Ich habe viel zu viele Bücher!
  • Finanziell kann ich es mir momentan vieles nicht erlauben, was mich aber am meisten zwackt ist, dass ich kein Haustier haben kann! Ich war leidenschaftliche Hunde- und Meerschweinchen-Mama und vermisse es sehr ein Tier um mich zu haben.
  • Häkeln und Handarbeiten sind meine Leidenschaft geworden und haben mir in den schweren Jahren sehr geholfen. Ich kann das jedem nur weiterempfehlen – auf die Vorurteile zu Handarbeiten pfeifen und etwas selbst machen. Es gibt kein erfüllenderes Gefühl als etwas Selbstgemachtes in Händen zu halten oder besser noch, anzuziehen!

Ich nominiere:

Nun werde ich einfach ein paar Blogs listen, die ich sehr gerne lese und die (so viel ich weiß) noch nicht für den One Lovely Blog Award nominiert wurden.

A Girl Called Jack – wahrscheinlich schon x-mal für den Lovely Blog Award nominiert, ich liste sie trotzdem. Die alleinerziehende Mutter Jack war in einem Dilemma – sie konnte trotz ihrer Vollzeit-Stelle ihren Sohn nicht in einer Tagesstätte unterbringen. Sie kündigte, in der Annahme, sie würde schnell eine neue Stelle finden. Was folgte war ein finanzieller Totalabsturz, denn sie fand keine neue Arbeit. Aus ihrem Unglück und ihrer Verzweiflung entstand ihr Blog, in dem sie mit den Lebensmitteln, die sie von der Food Bank (vergleichbar den deutschen Tafeln) erhielt, für ihren kleinen Sohn und sich kochte. Sehr inspirierende Lebensgeschichte. Aus ihren pfiffigen und leckeren (!) Rezepten entstand mittlerweile ein erfolgreiches Kochbuch. Momentan postet Jack übrigens weniger häufig – denn sie hat eine neue Vollzeit-Stelle und schreibt an einem weiteren Kochbuch …

Afroculinaria – Michael W. Twitty ist ein „Koch-Historiker“ (gibt es einen deutschen Begriff dafür?). Er erforscht afrikanische und afroamerikanische Küchen- und Lebenstraditionen. Ebenso berichtet er über sein jüdisches Leben. Immer spannend, nie langweilig.

Archaeologik – Archäologie-Blog von Rainer Schreg, der sich mit aktuellen Funden, Forschungen, Ereignissen und Meldungen kritisch beschäftigt.

Archäologische Nachrichten – Guido Nockemann unterhält hier einen Blog mit den neuesten Nachrichten aus der Archäologie. Daneben hat er einen weiteren Blog, den ich weitaus spannender finde, und der sogar eine ISSN-Nr. hat – Guido, wolltest Du nicht mal einen Blogbeitrag schreiben, wie man den Blog in Publikationen zitieren kann? 😉 (Diss haste doch abgegeben …) Bis dahin kann ich so leider nur auf Archäologie 2.0 mit Hyperlink verweisen und hoffen, dass Guido dort wieder postet …

Blogtor Who – berichtet über alles, was Whovians (Fans der BBC TV Serie Doctor Who) interessieren könnte.

Cafe Johnsonia – US-amerikanischer Food-Blog mit vegetarischen Rezepten, die sich an den Jahreszeiten orientieren.

Dobbys Signature – Dobby stellt in ihrem Blog die Küche Nigerias vor. Ebenfalls ab und an Berichte über das Leben in diesem westafrikanischen Land.

Dreams are what le cinema is for … – Filmbesprechungen älterer Filme. Hier wurde ich auf viele spannende Filme aufmerksam, von denen ich bisher nichts gehört hatte.

Genealogie Timo Kracke – Timo publiziert ebenfalls den Podcast „der Genealoge“. Momentan etwas still (aber darüber beschwere ich mich eh bei niemanden), postet Timo über neue deutsche Genealogie-Blogs oder deutsche Genealogie-Nachrichten.

In the Artifact Lab. Conserving Egyptian Mummies – Blog der Restauratoren des Penn Museum der University of Pennsylvania in Philadelphia. Es werden nicht nur Mumien restauriert.

Jon Crispin’s Notebook – Jon Crispin ist ein Photograph, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, alle Koffer zu fotografieren, die im Willard Asylum gefunden wurden. Diese Koffer, größtenteils leer, sind von den ehemaligen Bewohnern des Asylums zurückgelassen worden. Tragische, intime oder einfach unterhaltsame Augenblicke aus dem Leben der Heimbewohner werden lebendig. (Wohl gemerkt, damals konnte man mit heute leicht behandelbaren vermeintlichen „Krankheiten“ – darunter auch Homosexualität – für den Rest seines Lebens weggesperrt werden.) Mehr zu diesem faszinierenden Projekt gibt es hier zu sehen.

nknews.org – Nachrichten und Berichte aus Nordkorea. Sowohl kritisch hinterfragte Kommentare zu Nachrichten als auch Berichte von Flüchtlingen aus Nordkorea. Hinter der Website steht ein ganzes Team von unabhängigen Nordkorea-Spezialisten und Journalisten. Hier gibt es tatsächlich Einblicke in das alltägliche Leben in Nordkorea, so wie es sonst kaum vermittelt wird.

One Free Korea – Ergänzend zum oben genannten Blog – von einem US-amerikanischen Anwalt betrieben, der früher Soldat war. Sehr viel kritischer und mit starker Meinung gegen das nordkoreanische Regime. Stärke des Blogs: Immer wieder Berichte über und Analyse von Satellitenbilder von den offiziell nicht-existierenden prison camps.

Nochmals vielen Dank für die Nominierung für den One Lovely Blog Award, Karen! 🙂

Saturday Night Genealogy Fun (SNGF) – What date was your grandfather born?

I’m participating in Randy Seaver’s Genea-Musings „Saturday Night Genealogy Fun“ (SNGF).

I was debating with myself if I should do this in German and English … and look at the time – I’ll just blog in English, I might participate again in German and not let my over-thinking get in the way next time. 😉

1. What day of the week was your Grandfather born (either one)? Tell us how you found out.

Well, first of: I have three grandfathers to pick from. (More about this – here.) Two I know the certain identify of. Only one of the three grandfathers I’ve met. Therefore I’ll just go into detail with Opa Albin, the only „Opa“ (grandpa) I got to know.

Opa Albin was born on August 23rd 1912 in Riege, Kreis Deutsch Krone, Pomerania.

I got this (and other information) from the website http://geboren.am. (Actually I usually look up the day of the week as soon as I find out a date, so this is in my files, but I’m not even sure anymore where I got it from.)

August 23rd 1912 was a Friday.

Opa Albin is my mother’s father. My father has two fathers: His biological father, who I’m still trying to find and his … well, father. His name is Johann Jakob (called Jakob). The biological father was called Eddie.

Jakob was born May 20th 1904 in Worms, Hesse. Incidentally this was a Friday too.

2. What has happened in recorded history on your Grandfather’s birth date (day and month)? Tell us how you found out, and list five events.

On Opa Albin’s birth date (the exact year 1912) in the US, Bobby Dunbar disappeared. (Wikipedia-Entry.) This curious case probably only made small headlines in the bigger national newspapers in Germany. I don’t think my family in Pomerania would have heard about it.

Also taken from Wikipedia – Entry for August 23rd:

In the year 237 BC pharao Ptolemaios III. starts building the temple of Edfu.

In the year 153 BC Roman consul Quintus Fulvius Nobilior loses a whole legion (that 3,600 to 6,000 soldiers!) fighting the Celt-Iberians in Numantia; what is today in Spain.

In the year 1305 William Wallace is publically tortured to death in London.

In the year 1927 Sacco and Vanzetti are executed.

Opa Jakob:

May 20th 1631 – the sack of Magdeburg. During one of the most horrible war crimes ever, around 20,000 people are slaughtered. The newly created German verb „magdeburgisieren“ will now for centuries be used to describe total ruthless destruction.

1862 – Lincoln signs the Homestead Act.

3. What famous people have been born on your Grandfather’s birth date? Tell us how you found out, and list five of them.

On Opa Albin’s birth date (in the year 1912!) actor and dancer Gene Kelly was born.

Also sharing Opa Albin’s birth date, but not the same year:

1754 – King Louis XVI of France. He will later be executed during the French Revolution. (His wife was Marie Antoinette.)

1854 – pianist and composer Moritz (Maurice) Moszkowski.

1931 – Barbara „I dream of Jeannie“ Eden.

1946 – Keith Moon, drummer of The Who.

Opa Jakob (May 20th 1904):

1764 – Johann Gottfried Schadow – sculptor and creator of the Quadriga on top of the Brandenburg gate in Berlin.

1799 – Honoré de Balzac – French writer – „la comédie humaine“.

1908 – Jimmy Stewart – Actor.

Maria Binnenböse wird geboren

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Aus dem Mikrofilm der Mormonen, Personenstandsakten Schneidemühl, Geburten 1874-1876.

„Nr. 170

Schneidemühl, den 13. Mai 1876

Vor dem Standesbeamten erschien heute der Persönlichkeit nach ___________ August Kinowski ___ ___ __kannt

[Für jeden Hinweis, was hier steht, bin ich sehr dankbar – der einzige Grund, warum ich diese Geburtsurkunde nicht früher vorgestellt habe ist, dass ich sie nicht ganz zweifelsfrei entziffern kann.]

der Arbeitsmann Heinrich Carl Binnenböse

wohnhaft zu Schneidemühl, _______ Straße Nr. 3, evangelischer Religion

und zeigte an, daß von der Julia Binnenböse

geborene Dahlke, seiner Ehefrau, katholischer Religion

wohnhaft __________________ (bei seiner _________ ???)

Schneidemühl, [gleiche Adresse wie Heinrich Carl Binnenböse]

am dritten May [?????] des Jahres 1876″

 

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

„morgens um sieben Uhr

ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Maria erhalten habe.

Vorgelesen, genehmigt und _______________ [????]

XXX“

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Nachtrag auf dem Dokument:

„Die Entbindende [??] heißt mit Vornamen Johanna nicht Julia

_________________ zufolge Anordnung des Königlichen Landgerichts zu Schneidemühl vom 22. Mai 1896, Schneidemühl der 1. August 1896, der Standesbeamte in Vertretung [Unterschrift]“

Auswertung:

Die Geburtsurkunde zusammen mit Elisabeth Dahlkes Geburtsurkunde und der Heiratsurkunde der Eltern Johanna Dahlke und Carl Heinrich Binnenböse löst erst wirklich das Rätsel, welches sich auftut, wenn man zunächst nur Elisabeths Geburtsurkunde sieht.

Johanna und Heinrich haben nach Elisabeths Geburts geheiratet. Was sich übrigens als Geschenk für die nachfolgenden Generationen herausstellt. Hätten sie vor Elisabeths Geburt geheiratet, wäre keine Personenstandsakte zum Vorgang entstanden und erhalten geblieben.

Johanna wurde anscheinend Julia genannt, hieß aber offensichtlich „amtlich“ nicht so. Carl Heinrich wurde offensichtlich Heinrich genannt.

Heinrich konnte sich offenbar auch nicht ausweisen. Kann es sein, dass er keine Papiere zu seiner Abstammung hatte? Das würde mich wundern, denn von Teresa weiß ich, dass offenbar ein Teil der Binnenböses aus Hasenfier nach Amerika auswanderten – um dies zu tun, mussten sie sich bereits vor der Abreise ausweisen. Sollte sich nur ein Teil der Familie mit diesen wichtigen Dokumenten eingedeckt haben?

Auch bin ich immer noch hin- und hergerissen was ich jetzt genau über Heinrichs Schreibkünste denken soll: Konnte er gar nicht lesen und schreiben? Konnte er nur seinen eigenen Namen schreiben? Konnte er es, wollte es aber nicht?

Hier auf Marias Geburtsurkunde unterschreibt er mit drei „XXX“.

Die Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke, Marias älterer Schwester, ist ebenfalls mit einem „XXX“ unterzeichnet, allerdings anscheinend von Alexander Bukowski. (Wie dieser zu Kind und Mutter steht, weiß ich immer noch nicht.)

Auf der Heiratsurkunde von Johanna Dahlke und Heinrich Binnenböse dann das hier:

Heiratsurkunde Johanna Dahlke - Carl Heinrich Binnenböse

Heiratsurkunde Johanna Dahlke – Carl Heinrich Binnenböse

„vorgelesen, genehmigt und unterschrieben

Carl Heinrich Binnenböse

Johana Dalke [sic!]

Emil Koch

Karl Eduard Graffunder“

Hmmmm …..

Fest steht: Marias Geburtsurkunde wird kurz nach ihrem 20. Geburtstag vom Landgericht Schneidemühl geändert.

Nicht dramatisch, aber zumindest parallel mit der Änderung auf Elisabeth Dahlkes Geburtsurkunde: Mutter heißt nicht Julia, sondern Johanna Binnenböse, geborene Dahlke.

Es wäre toll, wenn die Gerichtsakten aus Schneidemühl noch existieren würde … da muss ich dringend mal recherchieren, ob da noch etwas vorhanden ist!

Vielleicht wollten beiden Töchter ihre Geburtsurkunden für eine folgende Heirat? Auf Verdacht hin ins Blaue wird ja ein Gericht in solchen Angelegenheiten nicht tätig …

Die Person, die anscheinend Heinrich Binnenböse ausweisen/bezeugen konnte, ist mir bisher noch nicht begegnet. Im Adressbuch der Stadt Schneidemühl (über genwiki abgefragt) taucht eine Witwe Wilhemine Kinowski auf der Gartenstr. 15 auf.

die Binnenböses aus Schneidemühl

Ich versuche mal eine kleine Chronologie, der mir bisher bekannten Binnenböse-Daten aus Schneidemühl:

Freitag, 9. Oktober 1874, abends 10 Uhr

Geburt Elisabeth Dahlke

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke – Klick

Donnerstag, 15. Oktober 1874

Ausstellung der Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke, 6 Tage nach der Geburt. Das Kind ist noch ohne Vorname, die Mutter wird „Julia Endisch“ genannt.

Melder ist der Wohnungsinhaber, in der Elisabeth Dahlke geboren wurde, Alexander Bukowski. In der Geburtsurkunde ist sein Verhältnis zu Mutter und Kind nicht benannt. Alexander Bukowski „unterschreibt“ die Urkunde mit „XXX“ = er kann seinen eigenen Namen nicht schreiben.

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke – Klick

Samstag, 24. Oktober 1874

Nachtrag auf der Geburtsurkunde von Elisabeth Dahlke. Das Kind wird „Elisabeth“ genannt. Leider nur schwer zu entziffern: Alexander Bukowski macht die Meldung über die Namengebung für das Kind.

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke – Klick

Mittwoch, 3. November 1875, zehn ¾ Uhr in Schneidemühl

Heirat von Carl Heinrich Binnenböse mit Johanna Dahlke.

Carl Heinrichs Eltern: Johann Binnenböse (Tagelöhner) und Wilhelmine Heymann. Beide sind bereits in Hasenfier verstorben. Carl Heinrich wurde ca. 1845 in Hasenfier geboren.

Carl Heinrich unterschreibt (!) die Heiratsurkunde. Ebenso unterschreibt Johanna Dahlke die Heiratsurkunde – sie schreibt ihren Nachnamen „Dalke“ – diese Schreibung kommt in den Personenstandsakten von Schneidemühl so sonst nie vor. Eventuell können die beiden Eheleute nur gerade einmal ihren eigenen Namen schreiben? Carl Heinrich unterschreibt die Geburtsurkunde von Maria Binnenböse mit „XXX“.

Johanna war drei oder vier Monate schwanger mit Maria Binnenböse. Elisabeth ist etwa 1 Jahr alt.

Quelle: Heiratsurkunde Dahlke-Binnenböse – Klick

Donnerstag, 4. Mai 1876, morgens um 7 Uhr

Geburt Maria Binnenböse, Vater: „Heinrich Carl Binnenböse“, Mutter: „Julia Binnenböse, geborene Dahlke“.

Quelle: Geburtsurkunde von Maria Binnenböse.

Quelle habe ich noch nicht vorgestellt, werde das aber nachholen! 4. Mai kann ich nicht genau verifizieren. (Dazu später mehr.)

Samstag, 13. Mai 1876

Geburtsurkunde von Maria Binnenböse wird ausgestellt, 9 Tage nach der Geburt.

1879

Tod Anna Binneboese, Arbeiterwitwe

Auszug Index Tote 1879 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1879 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1879

1881

Tod Anna Johanna Binnenböse, Arbeiterwitwe, gestorben in Schneidemühl, Ortsteil Grünthal

Auszug Index Tote 1881 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1881 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1881

1891

Tod ___ (?) Binneböse, Kind

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1891

Tod Maria Binneböse, Kind

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1891 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1891

1893

Tod Rosalia Binnenböse, Kind

Auszug Index Tote 1893 Schneidemühl

Auszug Index Tote 1893 Schneidemühl

Quelle: Index Tote Schneidemühl 1893

1894

Geburt Antonia Binnenböse

Auszug Index Geburten 1894 Schneidemühl

Auszug Index Geburten 1894 Schneidemühl

Quelle: Geburten Index 1894

Freitag, 22. Mai 1896

Richterspruch des Königlichen Amtsgerichts zu Schneidemühl: Änderung Geburtsurkunde Maria Binnenböse: Mutter Johanna nicht Julia Binnenböse.

Maria Binnenböse ist 20 Jahre alt.

Quelle: Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Samstag, 1. August 1896

Die Geburtsurkunde von Maria Binnenböse wird gemäß des Gerichtsbeschlusses des Amtsgerichtes zu Schneidemühl vom 22. Mai 1896 geändert.

Quelle: Geburtsurkunde Maria Binnenböse

Adressbuch Schneidemühl 1896

abgefragt über die Datenbank der Computergenealogen:

Heinrich Binneböse, Arbeiter, Lehns Ziegelei

Johanna Binneböse, Arbeiterfrau, Brunnenstraße 6

Rosalie Enders, Witwe, Feldstraße 19 (die Mutter von Johanna Dahlke Binnenböse)

Zu diesem Zeitpunkt ist Elisabeth etwa 22 Jahre alt und ist nicht gelistet. (Welchen Namen hat Elisabeth zu dieser Zeit offiziell? Elisabeth Endisch?) Ebenso taucht Maria Binnenböse nicht unter Binnenböse auf.

Donnerstag, 3. März 1898

Richterspruch des Königlichen Amtsgerichts zu Schneidemühl: Änderung Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke: Mutter Johanna Dahlke nicht Julia Endisch.

Elisabeth ist 23 Jahre alt.

Quelle: Geburtsurkunde Elisabeth Dahlke

Mittwoch, 25. Oktober 1899

Elisabeth Dahlke heiratet Emil Spickermann in Schneidemühl. Klick

Elisabeths Eltern: Johanna Dahlke und Heinrich Binnenböse, beide bereits in Schneidemühl verstorben.

1902

Geburt Maria Binnenböse, __________________ (??), Schneidemühl

Auszug Index Geburten 1902 Schneidemühl

Auszug Index Geburten 1902 Schneidemühl

Quelle: Geburten Index

Fazit:

Ich bin mir bewußt, dass ich nicht alle Binnenböse/Binneböse Einträge aus Schneidemühl bisher erfasst habe, weil ich einfach noch nicht alle Mikrofilme gesehen habe. Bei einigen Namen habe ich aber starke Vermutungen. So zum Beispiel bei Antonia Binnenböse – es gibt in der Familie eine „Tante Toni“, die eine Schwester von Elisabeth Dahlke war. Auch möchte ich mir unbedingt das Dokument von „Rosalia Binnenböse“ ansehen. Johanna Dahlkes Mutter hieß Rosalie Dahlke mit Geburtsnamen und heiratete später einen Eduard Enders.